Mit Absicht ungenau (2)

– Von Wilhelm Genazino –

Déjà Vu?

Im August 1970 erschien das Satiremagazin „Pardon“ mit einem 12-seitigen „Extra“ zur „Bild“-Zeitung. Den „Pardon“-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere „Stern“-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem „Pardon Extra“ erfahren zu haben) ging es in ihrem „Sonderdruck“ vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft „Bild“ auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und „BILD-Lügen“ zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der „BILD-Lügen“ aus dem „Pardon“ von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei „Bild“ nicht wirklich viel geändert…

Es gibt eine besondere Spezies von BILD-Artikeln: sie brillieren mit einem hohen Grad von Unwahrscheinlichkeit und Kuriosität. Dementsprechend fehlen in den Berichten fast alle konkreten Daten wie z.B. Zeitangaben oder Namen der Personen. So sichert sich BILD vor Nachprüfungen von erfundenen oder halberfundenen Geschichten.

Ein Beispiel von vielen:

[…] Am 21. Juli brachte BILD die Story: „Chef entließ Sex-Protz“. In der Geschichte ging es um einen Angestellten der Städtischen Sparkasse Köln, dem gekündigt worden sei, weil er mit permanenten Erzählungen aus seinem Liebesleben den Betrieb aufgehalten habe.

Ergebnis der PARDON-Recherchen:

  • Der Sprecher der Personalabteilung der Städtischen Sparkasse Köln: „Das hat sich ganz bestimmt nicht bei uns zugetragen. Ein derartiger Fall ist mir nicht bekannt, und ich müßte es eigentlich wissen, denn wir sind auch für die Filialen zuständig.“

Zur Sicherheit rief PARDON auch bei der Kölner Kreissparkasse an.

  • Ergebnis: „Der Fall ist total unbekannt.“
  • Und auch die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen in Köln, die sich berufsmäßig mit gekündigten Angestellten aus der Branche befaßt, kann nur passen: „Der Fall ist uns nicht bekannt.“

 
Lesen Sie morgen: Wie „Bild“ einer jungen Mutter zum Urlaub mit ihrem Sohn verhalf – oder auch nicht. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.