Der böse Inspektor und die liebe BILD-Zeitung

– Von Elsemarie Maletzke –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin „Pardon“ mit einem 12-seitigen „Extra“ zur „Bild“-Zeitung. Den „Pardon“-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere „Stern“-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem „Pardon Extra“ erfahren zu haben) ging es in ihrem „Sonderdruck“ vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft „Bild“ auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und „BILD-Lügen“ zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der „BILD-Lügen“ aus dem „Pardon“ von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei „Bild“ nicht wirklich viel geändert…

Erst erschreckte BILD am 8. August seine Leser mit einem bösen Mann:

Ein sturer Beamter vom Jugendamt Hannover hat einem Jungen verboten, mit seiner Mutter Ferien zu machen!

Dann weckte BILD Mitleid:

… Franziska W. (23) aus Hannover hatte ihren Sohn Thomas (3) in ein Kinderheim gegeben … An jedem Wochenende holte Franziska W. den Jungen nach Hause. Nie hatte es dabei Schwierigkeiten gegeben. Jetzt wollte Franziska W. ihren Thomas mit in den Urlaub nehmen. Aber der Sozialinspektor Günter Wicke (30) schickte die junge Frau wieder fort: Er bleibt im Heim. Es reicht, wenn die Mutter ihr Kind einmal in der Woche sieht.

Und dann bewies BILD wieder einmal Herz:

Erst als sich BILD einschaltete, gab das Jugendamt gestern grünes Licht für die gemeinsamen Ferien.

Diese Geschichte ist so herzig, daß BILD sie einfach bringen musste. Obwohl sie falsch ist und obwohl BILD dies auch wußte. Denn die Sache hatte sich ganz anders abgespielt.

Inspektor Wicke zu PARDON: Das Jugendamt könne grundsätzlich nicht verbieten, daß die Mutter ihr Kind mit in Urlaub nehme. Wicke: „Ich habe weder ein Verbot der Beurlaubung ausgesprochen, noch habe ich gesagt ‚Er bleibt im Heim, es reicht, wenn die Mutter ihr Kind einmal in der Woche sieht‘.“ Das Jugendamt frage in Urlaubsfällen lediglich, wohin es gehe, wie lange, wer das Kind versorge, ob der Heimplatz reserviert bleiben solle.

Um diese Fragen mit Franziska W. zu klären, hatte Wicke die Mutter angerufen, die im Heim auf das Kind wartete. Franziska W., die ihren Sohn sonst ohne Formalitäten mit ins Wochenende nehmen durfte, brach verschreckt das Gespräch ab, in der Annahme, das Amt wolle das Kind nicht beurlauben.

Auf eine schriftliche Einladung der Behörde erschien sie gemeinsam mit BILD-Reporter Ulrich Berger, den sie in Angst und Sorge alamiert hatte. Im Jugendamt klärte sich das Mißverständnis jedoch auf. Stadtoberamtmann Sensmeyer, der Leiter der Abteilung Vormundschaften und Pflegeschaften: „Herr Berger sah, daß er hier mit einem anderen Sachverhalt als erwartet zu tun hatte.“

Franziska W. fuhr mit Thomas in Urlaub. Berger setzte sich an die Schreibmaschine und tippte. Dann stand in BILD:

Sie wollen mit ihrem Kind in den Urlaub? Kommt nicht in Frage!

Und dann dachte Berger sich noch das schöne Zitat vom kategorischen Sozialinspektor aus:

Das Kind bleibt im Heim …

Sensmeyer: „Wie Herr Berger nach dem klärenden Gespräch im Amt diese Behauptung aufrechterhalten konnte, obwohl er gemerkt hatte, daß es sich um ein Mißverständnis handelte, das ist mir unerfindlich!“

Uns auch.
 
Lesen Sie morgen: Wie „Bild“ sich selber einer Lüge überführte. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.