Leichenfledderei im Zigeunergrab

– Von Eckhard Henscheid –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin „Pardon“ mit einem 12-seitigen „Extra“ zur „Bild“-Zeitung. Den „Pardon“-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere „Stern“-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem „Pardon Extra“ erfahren zu haben) ging es in ihrem „Sonderdruck“ vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft „Bild“ auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und „BILD-Lügen“ zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der „BILD-Lügen“ aus dem „Pardon“ von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei „Bild“ nicht wirklich viel geändert…

In der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1970 wurde in Magstadt bei Sindelfingen (Württemberg) das Grab des zwei Tage vorher beerdigten Rentners Anton Lauster, Mitglied einer ortsansässigen Zigeunergruppe von Unbekannten geöffnet. Aus dem Sarg wurde eine goldene Uhr gestohlen. Ursache der Leichenfledderei war ein Artikel, der am 17. Juni in der BILD-Zeitung erschienen war. Überschrift:

Im Zigeunergrab liegen 45 000 Mark

BILD hatte berichtet, im Grab des „Zigeunerbarons“ Lauster befänden sich nach dessen testamentarischem Willen außer den 45 000 Mark Bargeld auch noch Schmuck im Wert von 15 000 Mark, das Bett, in dem Lauster gestorben sei, und sein Lieblingsmantel aus Schafsfell.

Dazu Magstadts Bürgermeister Bohlinger, der alle rechtlichen Angelegenheiten der Familie Lauster betreute und also auch das Testament kannte: Im Grab waren lediglich der Mantel des Toten, ein Ring, zwei Kissen und eine Uhr.

Bohlinger weiter: Rentner Lauster, Vater von 11 Kindern zwischen 3 und 22 Jahren, habe keineswegs über die Geldsummen verfügt, die man ihm angedichtet habe. Es sei völlig absurd, daß er so viel Geld mit ins Grab genommen habe.

Die Witwe des Verstorbenen hatte schon am 17. Juli – noch vor der Grabschändung – gegen die BILD-Zeitung eine Zivilklage wegen Verleumdung und wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener eingereicht.

Ein Sohn des Verstorbenen nach der Grabschändung: „Hier in der Gegend weiß jeder, daß wir so viel Geld nicht haben.“

Urheber des Berichts, der zu der Leichenfledderei geführt hat, ist das mit BILD zusammenarbeitende Pressebüro Teichmann aus Stuttgart.

Teichmann auf Anfrage von PARDON, woher er seine Informationen bezogen habe: „Das Gerücht geht durch die Straßen von Magstadt.“

Nach der Grabschändung, am 20. Juli, veröffentlichte BILD eine Richtigstellung (siehe Faksimile), die für den Uneingeweihten als solche nicht erkennbar ist.

Der BILD-Chef von Baden-Württemberg, Reinhold Stimpert, auf den BILD-Türken angesprochen:

„Was soll’s? Das gibt allenfalls ’ne Rüge vom Presserat“.

 
Lesen Sie morgen: „Bild“ über eine Autopanne mit Folgen – und was der ADAC dazu sagte. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.