Schwetzingen dementiert

– Von Horst Dreif –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin „Pardon“ mit einem 12-seitigen „Extra“ zur „Bild“-Zeitung. Den „Pardon“-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere „Stern“-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem „Pardon Extra“ erfahren zu haben) ging es in ihrem „Sonderdruck“ vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft „Bild“ auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und „BILD-Lügen“ zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der „BILD-Lügen“ aus dem „Pardon“ von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei „Bild“ nicht wirklich viel geändert…

Das ist ein Skandal – so richtig hergerichtet fürs empörte Herz der großen BILD-Familie: Zu Hause in Schwetzingen können die Schwerverletzten nicht operiert werden, weil der Herr Chefarzt den Schlüssel zum OP-Saal mit in den Urlaub genommen hat.

Aber es war halt wieder mal alles ganz anders. Denn richtig an diesem Artikel sind nur sein Anfang („Fünf schwerverletzte Unfallopfer wurden ins Städtische Krankenhaus Schwetzingen gebracht. Aber sie konnten nicht operiert werden.“) und die Nachricht, daß sich Chefarzt Dr. Voll im Urlaub befand.

Die BILD-Behauptung jedoch, Dr. Voll habe den Schlüssel zum OP-Saal mit an den Gardasee genommen, bezeichnete Schwetzingens Bürgermeister Kurt Waibel schlicht als „Treppenwitz“. Denn der Schlüssel habe dort gehangen, wo er immer hänge, nämlich in einem für ihn angebrachten Kasten.

Aber das ganze Schlüssel-Problem hat mit der Operation von Unfallopfern hier gar nichts zu tun. Denn die Schwerverletzten werden in der Schwetzinger Klinik ohnehin nur zwischenbehandelt (Erste Hilfe; Narkose etc.) und dann entweder in die jeweils etwa zehn Kilometer entfernten Kliniken von Heidelberg oder Mannheim weitertransportiert.

Denn die Schwetzinger Klinik ist für große Operationen überhaupt nicht eingerichtet. Sie tritt nur, und „das seit neun Jahren“ (Bürgermeister Waibel) als Zwischenstation in der Versorgung von Unfallverletzten auf. Herr Hoffmann, Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Schwetzingen: „Wir dürfen Verletzte nicht gleich nach Heidelberg oder Mannheim fahren. Denn wenn sie unterwegs sterben, wäre unser Fahrer schuld oder mindestens mitschuldig.“

Mit anderen Worten: In Schwetzingen ist nichts anderes passiert als das, was dort immer passiert. Das ist den BILD-Journalisten, wie Frau Moos, Personalbearbeiterin im Schwetzinger Bürgermeisteramt, PARDON gegenüber sagt, auch erklärt worden. Trotzdem lasen sie und das Personal des Krankenhauses am nächsten Morgen eine ganz andere Geschichte: wie gehabt.
 
Lesen Sie morgen: Die Wahrheit über den „Sex-Protz“ der Städtischen Sparkasse Köln. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.