Zerklitterte Hemden

„BILD übersetzt von Kopf bis Fuß das Englisch-Wirrwarr in deutschen Kaufhäusern.“

So steht es bei Bild.de. Und mal abgesehen davon, dass es natürlich der „Wirrwarr“ ist: Wem – außer der Mehrheit – ginge dieser ganze „Englisch-Wirrwarr in deutschen Kaufhäusern“ nicht tagtäglich auf den Wecker?!

Allerdings ist die Übersetzung eines Englisch-Wirrwarrs für „Bild“ ein gewagtes Unterfangen. Schließlich wissen aufmerksame „Bild“-Leser, dass es mit den Englisch-Kenntnissen in den „Bild“-Redaktionen so eine Sache ist, was wiederum „Bild“ nicht davon abhält, in einem „Einkaufslexikon“ 27 englischsprachige Bezeichnungen von „Beanie“ bis „Casual Wear“ zu übersetzen.

Und, nun ja, man mag darüber streiten, ob der Begriff Vintage wirklich „zerrissene Hose“ bedeutet, wie „Bild“ behauptet, oder nicht vielmehr das, was sich auf Deutsch Second-Hand-Kleidung nennt. Vielleicht ist One-size-fits-all mit „Jeanshosen in allen Größen“ auch etwas unbeholfen (um nicht zu sagen: völlig falsch) übersetzt, weil die Formulierung doch eigentlich im Gegenteil Kleidungsstücke wie Mützen oder Socken bezeichnet, die es nur in einer einzigen Größe gibt und jedem passen sollen. Schon möglich, dass darüber hinaus eine Mesh-Cap keine „große Schirmmütze“ ist, sondern vielmehr bloß eine solche Schirmmütze, die im hinteren Teil aus einem großmaschigen, netzartigen Stoff gefertigt wurde. Möglich auch, dass das alles enorm besserwisserisch klingt.

Dabei geht’s noch besserwisserischer: Knitwear nämlich übersetzt „Bild“ mit „zerknittertes Hemd“. Und mal abgesehen davon, dass der Begriff nun überhaupt nichts mit irgendeinem „Hemd“ zu tun hat, kommt das englische Wort knit ja vom Altenglischen cnyttan (was soviel wie „knoten“ oder „binden“ bedeutet und darin wohl dem deutschen knüpfen verwandt ist), wohingegen das deutsche Wort (zer)knittern (wie knistern) ein Ablaut des lautmalerischen knattern ist, also ursprünglich „leise knattern“ bedeutete – vor allem aber mit dem englischen knit rein gar nichts zu tun hat, denn das bedeutet „stricken“, weshalb knitwear auch schlicht „Strickzeug“ meint, wohingegen modisch zerknitterte Kleidung in der Regel sinnvollerweise mit Begriffen wie crinkle oder crush bezeichnet wird.

Aber natürlich müssen „Bild“-Redakteure im Ressort „Geld & Job“ das alles nicht wissen. Aber sie hätten einfach mal hier klicken können, bevor sie ihren fehlerhaft hingerotzten Unsinn unter einer großkotzigen Überschrift („…damit wir auch wissen, was wir kaufen“) verbreiten.

PS: Ebenfalls nicht verwechseln sollte man knittern mit klittern: Letzteres bedeutet nämlich „verfälscht darstellen“.

Mit Dank an Gerd S. für den sachdienlichen Hinweis und Steffi I. für die sachkundige Beratung.

Nachtrag, 14.12 Uhr:
Inzwischen hat der Wirrwarr-Beauftragte von Bild.de seinen Dienst angetreten und die Übersetzung von „One-size-fits-all“ zu „Jeanshosen für alle Größen“ geändert. Ob er es schaffen wird, im Laufe der kommenden Wochen noch weitere Fehler zu korrigieren? Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Nachtrag, 28.1.2005:
Na, also: Der Wirrwarr-Beauftragte von Bild.de hat sich nochmals rangesetzt und die Begriffserklärungen nachträglich berichtigt. Nun heißt es auch zu Vintage richtigerweise „Second-Hand-Look“, zu Mesh-Cap nur noch „Schirmmütze“, und hinter dem (ausgesprochen häufig in deutschen Kaufhäusern verwendeten) Begriff Knitwear steht „Strickwaren“. Ja, sogar die bereits überarbeitete Übersetzung von One-size-fits-all wurde nun abermals in „Kleidungsstücke, die es nur in einer einzigen Größe gibt, die jedem paßt (z.B. Mützen oder Socken)“ korrigiert. Nur der Rechtschreibfehler im Wort „Kaputzenpullover“, der hier bislang unerwähnt geblieben war, wurde übersehen. Aber da wollen wir jetzt echt nicht tzimperlich sein.