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Die „Bild“-Zeitung ist immer noch außer sich vor Wut, dass der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar im Januar auf Bewährung freikommt und auch noch einen Praktikumsplatz als Bühnentechniker am Berliner Ensemble (BE) bekommen soll. Heutiger Anlass für die Empörung ist ein Interview, das Dirk Meinelt, der Betriebsratsvorsitzende des BE, der Berliner Stadtzeitschrift „Zitty“ gegeben hat. Oder wie „Bild“ titelt:

Nicht ganz unwiderlich auch, wie „Bild“ Meinelts Zitate manipuliert, um beim Leser maximale Empörung zu erreichen.

„Bild“ schreibt:

Und was meint Meinelt zu dem Vorwurf vieler Politiker, dass Klar bis heute keine Reue gezeigt hätte? „Was stellen sich eigentlich die Leute unter Reue vor? (…) Soll er in der Presse einen Kniefall machen?“

Die Auslassungszeichen sind interessant. Das ganze Zitat lautet nämlich so:

„Was stellen sich eigentlich die Leute unter Reue vor? Ich kenne die Briefe von Christian Klar, ich kenne das Gnadengesuch an den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, ich kenne seine Briefe an Horst Köhler und den ganzen Schriftverkehr. Er hat in allen Briefen geschrieben, dass er bedauert. Soll er in der Presse einen Kniefall machen?

Das ist nicht die einzige Manipulation. „Bild“ schreibt:

Und dann klingt sogar ein bisschen Mitleid für den neuen Mitarbeiter durch: „Wir haben lange mit ihm darüber gesprochen, dass natürlich Fragen zu seiner Vergangenheit von den Kollegen kommen werden. Das können Sie sich ja vorstellen, was so jemand von einem einfachen Bühnentechniker gefragt wird. Die Arbeit in der Technik, das ist richtiges Milieu. Das ist schon ein bisschen derb und ein sehr raues Klima.“

Einem einfachen Bühnentechniker – ist das nicht genau die Abteilung, in der Klar dann arbeiten wird? Und was ist Klar dann bitte? Ihr da unten, ich – der gerade freigelassene RAF-Terrorist – hier oben? So ein Schmierenstück hat es noch nie im BE gegeben. Hoffentlich wird’s bald abgesetzt…

„Bild“ hat sich Meinelts Sätze aus verschiedenen Stellen des Interviews zusammengeklaubt, um diesen Eindruck zu konstruieren. In der „Zitty“ heißt es:

Christian Klar wurde Anfang 2007 stark kritisiert, weil er ein kapitalismuskritisches Grußwort an die Rosa-Luxemburg-Konferenz der Zeitung „Junge Welt“ geschrieben hatte. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Er hat gesagt, dass er bereut, was durch die Presse gegangen ist. Er weiß auch, dass wir im BE politische Aktivität nicht dulden werden. Das ist von vorneherein klar. Wir haben lange mit ihm darüber gesprochen, dass natürlich Fragen zu seiner Vergangenheit von den Kollegen kommen werden. Das können Sie sich ja vorstellen, was so jemand von einem einfachen Bühnentechniker gefragt wird. Wenn man Klar als Menschen kennenlernt, merkt man: Die Angst vieler ist unbegründet. Von diesem Menschen geht keine Gefahr aus.

(…) Wie bereiten Sie Klar auf das Ensemble vor?

Die Arbeit in der Technik, das ist richtiges Milieu. Die werden ihn fragen: Hast du denn überhaupt was gelernt? Kannst du nach 26 Jahren überhaupt etwas? Das ist schon ein bisschen derb und ein sehr raues Klima. Er muss mit allen Sachen umgehen lernen, er kommt ja in Kontakt mit den Kollegen von der Bühnentechnik, den Beleuchtern, der Requisite und den Schauspielern.

Es ist schwer, aus diesen Antworten zu schließen, dass das BE meint, Christian Klar stünde in irgendeiner Form über den einfachen Bühnenarbeitern. Dazu muss man die Sätze schon kunstvoll neu montieren und Teile ganz weglassen. Sogar ohne Auslassungzeichen.

Das „Zitty“-Interview, auf dem der „Bild“-Artikel beruht, trägt übrigens die Überschrift „Christian Klar im Berliner Ensemble: „Der hat sich hier anzupassen. Fertig.“ Das ist auch ein Zitat von Dirk Meinelt.