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„Bild“ will Inseln schriftlich haben

„Bild“ hält sich ja gerne für das Zentralorgan einer vermeintlich vorherrschenden Stimmung („ganz Deutschland …“). Wenn es um richtig ernste Themen geht, geht die Zeitung aber gerne noch einen Schritt weiter und betreibt ein bisschen Amtsanmaßung.

Als die deutsche Fußballnationalmannschaft nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2004 und zwei Jahre vor der WM im eigenen Land ohne Trainer und Perspektive dastand, druckte „Bild“ einen symbolischen „Arbeitsvertrag zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und Fußball-Lehrer Ottmar Hitzfeld“ und forderte lautstark „Herr Hitzfeld, unterschreiben Sie diesen Vertrag!“. (Ottmar Hitzfeld erzählte Jahre später, er habe sich davon „sehr viel unter Druck gesetzt“ gefühlt.)

Im März 2010, als sich das Ausmaß der griechischen Staatskrise in den Medien abzeichnete, schrieb die „Bild“-Redaktion einen Brief an den damaligen griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou. Überschrift: „Ihr griecht nix von uns!“

Und im vergangenen November druckte „Bild“ einen „Stimmzettel“ für eine „Volksabstimmung“, bei denen sich das „Volk“ zwischen den Optionen „JA, schmeißt ihnen weiter die Kohle hinterher!“ und „NEIN, keinen Cent mehr für die Pleite-Griechen, nehmt ihnen den Euro weg!“ entscheiden sollte.

Heute nun ist der griechische Premier Antonis Samaras in Berlin, um sich mit Angela Merkel zu treffen. Bereits gestern hatte „Bild“ ein Interview veröffentlicht, in dem der Griechen-Beauftragte Paul Ronzheimer (der sich bemüht, den Eindruck zu erwecken, ein fast freundschaftliches Verhältnis zu Samaras zu haben) dem Griechen-Premier das Versprechen abrang, Griechenland werde alle seine Schulden zurückzahlen. Doch das reichte der Zeitung offenbar nicht, sie hätte es gerne … schriftlich.

„Bild“ hat dafür Kosten und Mühen gescheut und den Grafiker in pseudogriechischen Buchstaben eine „Garantie-Erklärung“ zusammenkloppen lassen, die aussieht wie die Servietten in einem griechischen Lokal:

Besonders perfide natürlich Punkt 2, in dem „Bild“ fordert:

Griechenland wird dazu alle notwendigen Schritte unternehmen, den Verkauf unbewohnter Inseln notfalls eingeschlossen.

Die Zeitung ist vom Verkauf griechischer Inseln geradezu besessen, ignoriert dabei aber regelmäßig, welchen Klang solche Forderungen aus Deutschland in einem Land haben, das im zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung gelitten hat.

Im Eifer des Gefechts hat „Bild“ auch noch vergessen, zu erwähnen, wem Samaras das eigentlich versprechen soll, aber im Zweifelsfall sind „Deutschland“ und „Bild“ ja eh synonym verwendbar.

Stattdessen schreibt „Bild“, das Interview mit Samaras habe „weltweit hohe Wellen“ geschlagen. „New York Times“ und „Washington Post“ hätten seinen Satz „Ich verspreche, dass wir unsere Schulden zurückzahlen“ zitiert.

Mehr noch:

Wütend dagegen das Medienecho in Griechenland.

Die Zeitung „Ta Nea“ fragt: „Warum hat Samaras die Brandstifter von BILD empfangen?“ Der größte Radiosender „Vima“: „Es war ein großer Fehler, den BILD-Reporter zu empfangen.“

Hintergrund: Die kritische Griechenland-Berichterstattung in BILD, die mehr Sparwillen und weniger Hilfe aus Steuergeldern für das südeuropäische Land einforderten, gefiel vielen Griechen nicht.

„Kritische Griechenland-Berichterstattung“.

So kann man es natürlich auch nennen, wenn eine Zeitung über Monate und Jahre von „Pleite-Griechen“ schreibt, einseitig berichtet und so gegen ein ganzes Land aufhetzt (BILDblog berichtete ausgiebig). Oder wenn sie vom Ministerpräsidenten eines (theoretisch) souveränen Staates irgendwelche Garantien auf einer Papierserviette fordert.

PS: Die Kredite und Garantien für Griechenland und andere Länder haben den deutschen Steuerzahler bisher übrigens „keinen Euro“ gekostet, wie der Direktor der Europäischen Zentralbank, Jörg Asmussen, erst diese Woche im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ erklärt hatte.

Mit Dank an Martin E. und Karstinho.

Nachtrag, 25. August: Samaras hat nicht unterschrieben:

Zuletzt bewies der Premier noch Humor. Als die BILD-Redakteure ihn auch um seine Unterschrift unter eine „Garantie-Erklärung“ zur Rückzahlung aller griechischen Hilfs-Kredite bitten (BILD-Ausgabe von Freitag), lacht er herzlich. Samaras: „Ich habe doch schon im BILD-Interview versprochen, dass mein Land alle Kredite zurückzahlen wird …“

Humor ist eben, wenn man trotzdem lacht …