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Lehrstunde in Sachen Pietät

In Köln ist gestern ein Mann offenbar an den Folgen der hohen Temperaturen verstorben. Für „Bild“, wo ein Einzelfall immer gleich den Beginn einer Serie markiert, „Kölns erster Hitzetoter“. Die „Sonnenschande“ sieht so aus:

Es ist ein Foto, das verstört und wütend macht…

Gestern Nachmittag, der Stadtteil Niehl, Am Molenkopf unten am Rheinufer. 39 Grad heiß. Eine blonde Frau im Bikini liegt lächelnd auf dem Badetuch. Neben ihr ein Mädchen, das liest. Daneben zwei Männer. Sie sonnen sich, als ob nichts wär…

Doch nur zehn Meter hinter ihnen liegt eine von der Polizei abgedeckte Leiche im Gebüsch. Es ist Kölns erster Hitze-Toter in diesem Jahr am Rhein. Doch den Sonnenhungrigen scheint‘s egal! DIE SONNENSCHANDE VON KÖLN!! Wie kann man bloß so gleichgültig sein!?

Mit dem ersten Satz meint „Bild“ offenbar nicht das Foto an sich, sondern das, was darauf zu sehen ist.

Ein Mann aus der Gruppe schaut sogar direkt auf den Leichnam. Doch keiner macht Anstalten, seine Sachen zu packen und – aus Pietät – zu gehen. Im Gegenteil: Auch andere Badegäste bleiben liegen und lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Ebenfalls geschmacklos: Als der Tote in den Leichenwagen gehoben wird, stellen sich einige Sonnenanbeter extra hin, um einen besseren Blick zu erhaschen.

… und nicht nur die Sonnenanbeter. Auch der „Bild“-Fotograf hatte einen besonders guten Blick auf die Szenerie:

Vieles kann man dieser Tage auf die Hitze schieben: klebrige Kleidung, Konzentrationsschwäche, den Drang, sich eine Kiste mit Eiswürfeln über den Kopf zu schütten.

Das Verhalten von „Bild“ zählt allerdings nicht dazu: Bei der Zeitung sind sie ganzjährig merkbefreit.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!