Ein Mann für jede Tonart

Am Samstag ist bei „Deutschland sucht den Superstar“ der Kandidat Joey Heindle ausgeschieden, den „Bild“ wegen seiner mangelnden stimmlichen Qualitäten seit Wochen begleitet und „Krächz-Joey“ nennt — somit steht er endlich ganz der medialen Zweitverwertung zur Verfügung:

"Deutschland sucht den Superstar": Plattenvertrag für Krächz-Joey von "DSDS"

Und so soll das mit der „Karriere“ weitergehen:

Musikproduzent Marco Delgardo (u. a. „Roxette“, „Shaggy“) will ihm einen Plattenvertrag geben!

„Joey hat gezeigt, dass er Ausdauer hat“, so Delgardo zu BILD. „Außerdem ist seine Krächzstimme ein Markenzeichen. So einen Wiedererkennungswert braucht man, um Erfolg zu haben.“

Und auch wenn kaum jemand sonst Marco Delgardo kennt — für „Bild“ und Bild.de ist er kein Unbekannter:

  • Als die Jacob Sisters im Januar 2005 mit einem „Gedächtnis-Song“ auf Rudolph Moshammer beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest antreten wollten („Toter Mosi zum Grand-Prix“), äußerte sich Delgardo „zuversichtlich“ in „Bild“: „So eine Wahnsinns-Show läßt sich die ARD bestimmt nicht entgehen.“
  • Als die Band Texas Lightning im März 2006 zum Eurovision Song Contest geschickt wurde, erhob „Musikproduzent Marco Delgardo (37, 183 Goldene, 54 Platin-Schallplatten)“ in der Zeitung „schwere Vorwürfe“ gegen die Musiker: Ihr Song „No No Never“ sei „geklaut“. (Wenn überhaupt, dann nicht von ihm, aber was macht das schon?)
  • Im Februar 2010 war Delgardo zur Stelle, um „Deutschlands frechstem Arbeitslosen“ Arno Dübel einen Plattenvertrag anzubieten. „Bild“ zitierte ihn mit den Worten: „Mit uns kann Arno, ohne viel zu arbeiten, jede Menge Geld verdienen.“
  • Drei Monate später traten erneut die Jacob Sisters auf den Plan, die gemeinsam mit Marco Delgardo Arno Dübel beim Singen unterstützen sollten.
  • Kurz vor Weihnachten 2010 war „Bild“ zur Stelle, als Dübel auf Mallorca von einer „deutschen Rentnerin“ angegriffen wurde („Sie brüllt ihn an: „Du Schwein verprasst hier mein Geld!“ Dann tritt und schlägt sie zu!“) und Musikproduzent „Marco Delgardo (produzierte für ‚Savage Garden‘ und ‚Roxette‘)“ Dübel trösten musste. Eine sich anbahnende Romanze zwischen Dübel und der „Kellnerin Katja“ begleitete „Bild“ in den nächsten Tagen bis zum tränenreichen Ende, stets kommentiert von seinem Produzenten und Manager Marco Delgardo.
  • Kurz darauf konnte „Bild“ ein großes Joint Venture der beiden Delgardo-Spezialgebiete Song Contest und Arno Dübel verkünden: „Deutschlands frechster Arbeitsloser, Arno Dübel (54, seit 36 Jahren auf Stütze, ‚Wer arbeitet, ist doch dumm‘), soll für Österreich in Düsseldorf beim Eurovision Song Contest antreten“. Es kam letztlich anders.
  • Als Arno Dübels Single „Ich bin doch lieb“ im Januar 2011 Videopremiere feierte, fand die wenig überraschend auf Bild.de statt.
  • Nur eine Woche später beschäftigten Dübel und sein Manager plötzlich „sogar die Kanzlerin“, weil spanische Behörden sich angeblich über die Verwendung des Arbeitsamt-Logos auf Dübels Plattencover beschwert hatten. „Bild“ zitierte Delgardo mit den Worten: „Offenbar eine plumpe Fälschung, mit der Arno Dübel und ich in Misskredit gebracht werden sollen.“
  • Im Juli 2011 verkündete Delgardo in „Bild“, dass er Arno Dübel „wegen andauernder Vertragsverletzung“ verklage.
  • Einen Monat später versteigerte Delgardo die Rechte an der Marke „Arno Dübel“ auf eBay, was „Bild“ mit gleich drei Artikeln öffentlichkeitswirksam begleitete.
  • Und erst vor drei Wochen berichtete „Bild“, dass Delgardo nun „wie sein Schützling“ von Hartz IV leben müsse, weil Dübel ihn in die Armut getrieben habe.

Obwohl Marco Delgardo nach eigenen Angaben „als Songwriter, Produzent und Künstler (No Face)“ „rund 120 Millionen Tonträger“ verkauft hat und „183 Gold- und 54 Platin-Auszeichnungen“ erhielt, gibt es vergleichsweise wenige Informationen über sein Schaffen, die über das Zitieren der immer gleichen behaupteten Fakten und Künstler (Savage Garden, Roxette, Shaggy, Atomic Kitten) hinausgehen.*

Doch nichts davon hat andere Internetbefüllungsportale davon abgehalten, die „Bild“-Story vom Plattenvertrag für Joey Heindle unreflektiert weiter zu verbreiten. Neben diversen Klatschseiten sind darunter auch die österreichischen Plattformen news.at und oe24.at,
die „Augsburger Allgemeine“ und „Focus Online“.

Bei „RP Online“, das so gerne Bild.de wäre, sind aus dem Angebot eines Plattenvertrags gleich knallharte Fakten geworden:

Wie die „Bild“-Zeitung berichtet, hat der 18-Jährige bereits einen Plattenvertrag in der Tasche.

* Nachtrag/Korrektur, 4. Februar 2013: Die wenigen Informationen, die sich zum Namen Marco Delgardo finden lassen, hängen offenbar damit zusammen, dass Delgardo viele seiner Arbeiten unter Pseudonym veröffentlicht hat.