Remix, Netzgemeinde, Netzgemüse

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Feldherr im digitalen Krieg“
zeit.de, Kilian Trotier
Kilian Trotier portraitiert den kanadischen Autor, Blogger und Aktivisten Cory Doctorow. Doctorow sei ein klassischer Aktivist, „aber gleichzeitig einer, der einen neuen Typus des Engagierten im öffentlichen Raum“ verkörpere. Doctorow sei „einer der großen Digitalen“ unserer Zeit. Der Habitus der Großen der analogen Welt aber sei ihm völlig fremd. Und tatsächlich ordnet Doctorow seine Aktivitäten selbst eher in einen eher spielerischen Kontext ein, als einen kriegerischen, wie es die Überschrift suggeriert. Doctorow: „Wir sind im ersten Level eines sehr langen und sehr komplexen Spiels. Der Endgegner ist noch lange nicht in Sicht.“

2. „Everything is a Remix Part 4“
everythingisaremix.info, Kirby Ferguson, englisch
Im vierten und letzten Teil seiner Serie „Everything is a Remix“ wird Kirby Ferguson grundsätzlich und behauptet das Urheberrechtssystem in der westlichen Welt seinen ursprünglichen, dem Gemeinwohl dienenden Zweck aus den Augen verloren habe und nun statt des Gemeinwohls zum Selbstzweck und systemzerstörenden Geschäftsmodel geworden sei: „The belief in intellectual property has grown so dominant it’s pushed the original intent of copyrights and patents out of the public consciousness. But that original purpose is still right there in plain sight. The copyright act of 1790 is entitled ‚an Act for the encouragement of learning‘. The Patent Act is ‚to promote the progress of useful Arts.'“

Ein Transcript des Films liegt hier.

3. „How Much Is Enough? We’ve Passed 15 ‚Anti-Piracy‘ Laws In The Last 30 Years“
techdirt.com, Mike Masnick, englisch
Mike Masnik listet die 15 Gesetze zum Schutz von „geistigem Eigentum“ auf, die auf Initiative der Unterhaltungsindustrie in den letzten 30 Jahren in den USA verabschiedet wurden. Offenbar ist der Spruch vom rechtsfreien Raum Internet auch in den USA bei Politikern und Lobbyisten sehr beliebt: „But apparently we’re told that the internet is a ‚lawless wild west‘ when it comes to copyright issues? I think not. All we’ve seen is expansion after expansion after expansion, always using questionable claims of rampant infringement that is supposedly destroying industries.“

4. „Welches Chaos?“
spreeblick.com, Johnny Haeusler
Johnny Haeusler bemängelt, dass die FAZ über die jüngsten Proteste in Griechenland schrob „Athen versank im Chaos“ und der Berliner Tagesspiegel die in Griechenland protestierenden „Chaoten“ nannte, ohne den Blick auf das grosse Ganze zu richten und nach den Auslösern zu fragen. Haeuslers Fazit: „Das Chaos wütet nicht nur auf den Straßen von Athen, sondern auch in den Sälen von Straßburg, Brüssel, Paris, Berlin.“

Den Eindruck, dass Ahnungslosigkeit, blinder Aktionsismus und Chaos grosse Teile der Politik antreiben drängt sich zumindest auf, wenn man Konrad Lischkas Kommentar zu den vorgeschlagenen Massnahmen der Drogenbeauftragten der Bundesregierung gegen Onlinesucht liest oder Sven Dietrichs Kommentar zur „EU Cookie Richtlinie“.

5. „Das Ende der Netzgemeinde“
indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer
Thomas Knüwer prophezeit das Ende der „Netzgemeinde“, meint damit aber das Ende einer unpassenden Bezeichnung für einen sehr grossen Teil der Gesellschaft. In Deutschland verändere sich laut Knüwer die Haltung gegenüber digitalen Werkzeugen weg von „der German Facebook Angst hin zu mehr Offenheit ohne unkritisch zu sein.“ Knüwer glaubt, dass das auch auch den Abschied vom Begriff der „Netzgemeinde“ bedeute: „Mit jenem wolkigen Begriff versuchen noch immer Politiker und Journalisten den Mythos aufrechtzuerhalten, digitale Themen seien nur etwas, das eine kleine, verschworene Minderheit interessiere, einen Wan Lan Klan in Kapuzzenpullis und mit Irokesenhaarschnitt.“

Wenn es dann bald keine „Netzgemeinde“ mehr gibt, gibt es künftig immerhin noch „Netzgemüse„.

6. „Die Medien als Richter?“
vocer.org, Volker Boehme-Neßler
Der Rechtswissenschaftler und Politologe Volker Boehme-Neßler fordert, dass die Unabhängigkeit der Richter künftig auch durch eine „ausgeprägte Mediensouveränität“ der Richter sichergestellt wird: „Richter müssen sich bewusst werden, dass sie nolens volens durch Medien beeinflusst werden. Die Unabhängigkeit eines Richters wächst in dem Maße, wie er sich seiner Abhängigkeit bewusst wird. Nur wer seine Abhängigkeiten kennt, kann ihnen entgegenwirken. Die in Justizkreisen weit verbreitete Ansicht, Richter seien per se resistent gegen Mediendruck, ist nicht nur sachlich falsch. Sie behindert auch den wirklich souveränen Umgang mit den Versuchungen, Drohungen und Einflüssen der Medien.“