Der Seismograph der Befindlichkeit

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann ist kein Fan der „Süddeutschen Zeitung“, im Gegenteil. Eine Formulierung aus der „Süddeutschen“ aber hat es ihm angetan. Er zitiert sie immer wieder, in Interviews und Vorträgen — und neulich zum Beispiel in der Blattkritik der „Bild“-Zeitung, als er als Reaktion auf die These von Gertrud Höhler, wer „Bild“ nicht lese, sei politisch unreif, sagte:

Insbesondere in Eliten werden wir allein schon aus professionellen Gründen gelesen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat das mal so schön formuliert, „Bild“ sei der „Seismograph der deutschen Befindlichkeit“. Man muss eben nicht nur wissen, was wirklich passiert, sondern auch, wie ein Land, wie eine Nation fühlt, und das übersetzt „Bild“.

Der Mann, der das in der „Süddeutschen Zeitung“ mal so schön formuliert hat, heißt übrigens Adolf Theobald und ist der große alte Mann des deutschen Verlagswesens: Er hat „Capital“ gegründet, war Geschäftsführer beim „Spiegel“ und Chefredakteur von „Geo“, „twen“ und „natur“. Und so schön formuliert hat er das zu einer Zeit, als Kai Diekmann noch gar nicht „Bild“-Chefredakteur war: am 30. Dezember 1999.

Und weil Kai Diekmann die Formulierung so schön findet, haben wir einfach mal bei Adolf Theobald nachgefragt, ob er das heute auch noch über „Bild“ sagen würde.

Er würde:

Ein Seismograph ist ein Messgerät, er misst, was ist, nicht was sein soll. Genauer: Er misst Richtung und Dauer von Erdbeben. Auch BILD lebt vom Beben, vom Beben der Masse, das sie zu Schlagzeilen verkürzt. Dieses Blatt gibt Sentiments und Ressentiments des kleinen Mannes auf der Straße wieder. Das darf man wohl „Befindlichkeit“ nennen. Und die ist oft genug genau so widerlich wie der Protokollant.