Kochrezepte für den Suizid

Journalisten scheinen ziemlich morbide Menschen zu sein. Jedenfalls gibt es kaum ein Thema, an dem sie sich so sehr weiden können, wie an Selbsttötungen anderer Menschen. Da wird gezeigt, wie es aussieht, wenn eine Frau an den Ort kommt, an dem sich ihr Mann gerade das Leben genommen hat; da wird den jugendlichen Lesern erzählt, wie es (mutmaßlich) war, als sich eine 15-Jährige erhängte, „weil sie zu hübsch war“, und da wird generell alles getan, um Nachahmungstaten anzustacheln, die eine öffentliche Zurschaustellung von Selbstmorden erwiesenermaßen nach sich zieht.

Doch die echte Gefahr lauert nicht bei verantwortungslosen Journalisten in Fernseh- und Zeitungsredaktionen, die echte Gefahr lauert – natürlich – im Internet. Dort gibt es „ein Problem, bei dem staatliche Kontrolle an ihre Grenzen stößt“, wie die „Spiegel TV“-Moderatorin Maria Gresz im ihr eigenen staatstragenden Domina-Tonfall erklärt. In zahlreichen Selbstmordforen würden Ratschläge angeboten, „die in ihrer Ausführlichkeit an Bedienungsanleitungen erinnern“.

Vorwand für den nun folgenden Beitrag ist die Geschichte dreier junger Frauen, die sich über das Internet kennengelernt und zum gemeinsamen Suizid verabredet hatten. Der Fall in Niedersachsen hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt — auch, weil die Polizei „ungewöhnlich ausführlich“ über die Selbsttötungen informiert hatte, wie das NDR-Medienmagazin „Zapp“ im August berichtet hatte.

Nun also „Spiegel TV“. Das RTL-Boulevardmagazin, produziert von der TV-Tochter des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, hat die Mutter von Stefanie besucht, einem der drei Mädchen. „Spiegel TV“ zeigt Bilder von der Trauerfeier, Bilder von der Stelle im Wald, an der sich die Drei töteten, und Bilder von der Mutter, die bei der Polizei abholen „darf“, „was ihre Tochter am Todestag bei sich trug“. Die Frau schüttelt den Kopf und murmelt, es seien so viele Fragen offen. „Welche“, fragt die Reporterin von außerhalb des Bildes und dann formuliert diese um Fassung ringende Frau ihre offenen Fragen für die Reporter und Zuschauer von „Spiegel TV“ noch einmal aus: „Warum? Einfach nur warum?“

Eine ehemalige Mitschülerin zeigt den Reportern ein Kinderfoto von Stefanie — dabei haben die bei der Mutter doch längst eine viel ergiebigere Quelle aufgetan: Vor laufender Kamera blättert die Mutter in Stefanies Tagebuch, aus dem die Off-Sprecherin dann die vermeintlich todessehnsüchtigsten Sätze der damals 14-Jährigen zitiert, begleitet von dramatischer Musik.

Und dann zeigt „Spiegel TV“, wo man sich diese „Ratschläge, die in ihrer Ausführlichkeit an Bedienungsanleitungen erinnern“, holen kann:

Nur noch mal zum Mitdenken: Da gibt es also ein Forum, in dem ungehindert über die besten Methoden diskutiert wird, um aus dem Leben zu scheiden, und „Spiegel TV“ hält es für eine Spitzenidee, dieses Forum mit bildschirmfüllender Internetadresse vor 2,3 Millionen Fernsehzuschauern nachgerade zu bewerben.

Man muss wohl Mitarbeiter von „Spiegel TV“ sein, um dann folgende Überleitung zu ersinnen oder zu verstehen: „Ein ähnliches Internetforum betreibt auch Rebekka von Fintel. Diskussionen über Suizidmethoden sind hier jedoch verboten — wer konkrete Pläne äußert, wird sofort kontaktiert.“

Doch zurück zum Internetforum, in dem „Selbstmordmethoden aller Art“ diskutiert werden, „wie andernorts Kochrezepte“:

Die Off-Sprecherin erklärt: „Ein perfider Plan, den Stefanie tatsächlich umsetzt: Sie kauft sich ein Zelt, baut es probehalber in ihrem Zimmer auf und macht ein Foto davon.“ Und weil es dieses Foto gibt, muss „Spiegel TV“ es natürlich zeigen.

Die Familie des zweiten Opfers war offensichtlich nicht so kooperationsbereit wie die von Stefanie. Macht nichts, dann zeigt „Spiegel TV“ halt ein anonymisiertes Foto und filmt ein bisschen auf Facebook herum.

Der Taxifahrer, der die drei Mädchen in dem Glauben gefahren hatte, dass sie Zelten wollten, erzählt, den Dreien seien ihre Pläne nicht anzumerken gewesen. „Spiegel TV“ zeigt ein paar Bäume und nennt den Namen der Ortschaft, zu dem der Wald gehört, in dem die Mädchen „die Anleitungen aus dem Internet” „minutiös ausgeführt“ haben. Wie minutiös, das erklärt ein Polizist noch einmal minutiös. Wie andernorts Kochrezepte halt.

Mit melodramatischer Musik und den Worten, den Angehörigen bleibe nur die Trauer und absolute Ratlosigkeit, endet der Beitrag. Maria Gresz kommt wieder ins Bild und sagt:

Gegen den Betreiber der Seite […] können deutsche Behörden übrigens nur schwer vorgehen, eben weil er seinen Sitz auf den Bahamas, sprich: im Ausland, hat.

Ihr nächster Satz, im gleichen Atemzug, lautet dann:

Von einem vollkommenen Kontrollverlust könnte man mittlerweile auch bei den russischen Autofahrern sprechen.

Es steht zu befürchten, dass das „auch“, auch wenn es sonst überhaupt keinen Sinn ergibt, nicht selbstkritisch gemeint ist.
 

Wie Medien über Suizide berichten sollten, um Nachahmungstaten zu vermeiden:

  • Sie sollten jede Bewertung von Suiziden als heroisch, romantisch oder tragisch vermeiden, um möglichen Nachahmern keine post-mortalen Gratifikationen in Form von Anerkennung, Verehrung oder Mitleid in Aussicht zu stellen.
  • Sie sollten weder den Namen der Suizidenten noch sein Alter und sein Geschlecht angeben, um eine Zielgruppen-Identifizierung auszuschließen.
  • Sie sollten die Suizidmethode und – besonders bei spektakulären Fällen – den Ort des Suizides nicht erwähnen, um die konkrete Imitation unmöglich zu machen.
  • Sie sollten vor allem keine Informationen über die Motivation, die äußeren und inneren Ursachen des Suizides andeuten, um so jede Identifikations-Möglichkeit und Motivations-Brücke mit den entsprechenden Lebensumständen und Problemen des Suizidenten vermeiden.

(Quelle: psychosoziale-gesundheit.net)

Mit Dank an Kai H.