Die treffende Überschrift

Bei langen Interviews kann es schon einmal schwer sein, eine knappe Überschrift zu finden, die dem ausführlichen Gespräch gerecht wird. Bei einem Kurz-Interview, das genau drei Fragen und Antworten umfasst, sollte das dagegen sogar ein „Bild“-Redakteur hinbekommen.

Testen wir das mal in der Praxis. Nehmen wir ein Interview, das „Bild“ mit dem Finanzminister geführt hat.

BILD: Italien will eine SMS-Steuer einführen, um den Haushalt zu sanieren. Ein Modell für Deutschland?

Hans Eichel: Kommt nicht in Frage – wir wollen keine neue Steuer. Wo wir aber genauer hinsehen werden, ist der Internethandel. Da läuft zuviel an der Umsatzsteuer vorbei. Die Besteuerung des Internethandels muß auf europäischer Ebene geregelt und dann schärfer kontrolliert werden.

So, jetzt konzentrieren. Welche Überschrift würde passen?

(a) Eichel will neue Internet-Steuer
(b) Eichel will keine neue Internet-Steuer

Na? Okay, und hier ist die Antwort, die „Bild“ gegeben hat:

Zum Hintergrund: Es geht darum, dass viele Händler im Internet keine Umsatz- oder Gewerbesteuer zahlen, obwohl dies ab einem gewissen Professionalisierungsgrad Pflicht wäre. Diese Grauzone will Eichel schließen — es geht aber keineswegs um eine „neue Steuer“, sondern um die klare Regelung und Durchsetzung längst bestehender Steuern. Das Finanzministerium hat inzwischen dementiert: „Bild“ habe die Aussagen Eichels „verzerrt“ wiedergegeben. Oder „übergeigt“, wie Kai Diekmann sagen würde.

Weil „Bild“ die falsche Nachricht an die Agenturen gegeben hat, taucht die Meldung mit Quelle „Bild“ auch in anderen Medien auf. Mit solchen Enten erhöht die „Bild“-Zeitung also ihren Status als meist zitierte und daher „mit Abstand wichtigste deutsche Tageszeitung“.

Danke an diverse Hinweisgeber! Mehr zum Thema auch bei „Spiegel Online“.