Jim Knopf und die Suggestiv-Führer von „Bild“

Der Schaffner hat mein Rad einfach aus dem ICE geworfenDer siebenjährige Ben hat sich viel Mühe gegeben, Enttäuschung, Wut und Verständnislosigkeit in seinen Blick zu legen, als der „Bild“-Fotograf ihn abgelichtet hat. Aber Ben hat natürlich auch allen Grund: Sein „geliebtes Rad“, ein „harmloses Kinderrad“, ist „verschwunden“.

Und das kam so:

Mutter Petra E. (46), eine Deutsche, die in Österreich lebt, kaufte im Wiener Hauptbahnhof zwei Tickets für den „ICE 22“ nach Frankfurt/Main. Sohn Ben verbringt seine Schulferien bei Oma.

Weil der Erstklässler so gerne radelt, will er sein neues Mountainbike mitnehmen. Mutter Petra: „Wir haben im Bahnhof extra gefragt. Der Schalterbeamte sagte, dass es kein Problem sei.“

„Mehrmals“ hätten Schaffner den Zug kontrolliert, so „Bild“, „niemand“ habe sich an dem Fahrrad im Gepäckfach gestört.

DOCH DAS ÄNDERT SICH IN DEUTSCHLAND, WO DAS ZUGPERSONAL WECHSELT!

Kurz vor dem Bahnhof Regensburg habe der Lautsprecher „gekreischt“, so „Bild“ weiter: Der Besitzer des Kinderfahrrades habe sich „unverzüglich“ melden sollen, der Zugchef habe Mutter und Sohn „zur Rede“ gestellt. Entweder die beiden sollten mit dem Rad aussteigen oder das Rad werde „entfernt“.

Da Mutter und Sohn nicht aussteigen, stellt der Herzlos-Schaffner das Rad auf den Bahnsteig. Traurig sieht der Junge, wie die Türen schließen, der ICE losrollt …

„Bild“ beschreibt diese Szene so anschaulich, dass man meint, das orangefarbene Funkeln in den Augen des „Herzlos-Schaffners“ zu erkennen. Womöglich hat er gar ein wenig nach Schwefel gerochen — oder wenigstens nach Knoblauch. Das Fahrrad jedenfalls, das sei „seither verschwunden“.

Bereits am Freitag, als die herzzerreißende Geschichte bundesweit in „Bild“ erschien, veröffentlichte die Deutsche Bahn eine Pressemitteilung, in der sie den „Bild“-Bericht zurückwies.

Zunächst einmal sei eine Fahrradmitnahme in ICE-Zügen „generell nicht erlaubt“, da eine sichere Mitnahme von Fahrrädern („auch von Kinderfahrrädern“) dort nicht gewährleistet sei. Warum die Mutter laut eigener Aussage von den österreichischen Schalterbeamten die Auskunft bekommen haben soll, die Mitnahme des Kinderrades im ICE sei möglich, könne die Deutsche Bahn „nicht nachvollziehen“.

Bei dem bereits am 2. Juli stattgefundenen Vorfall wurde nach Angaben beider ICE-Zugbegleiter die betroffene Familie sachlich über die entsprechende Regelung und alternative Weiterreisemöglichkeiten über Züge mit Fahrradmitnahme informiert. Daraufhin entschloss sich die Mutter, die Fahrt im ICE trotzdem fortzusetzen und ließ das Fahrrad – laut ihrer Aussage gegenüber dem Zugpersonal – in eigener Verantwortung auf dem Bahnhof Regensburg zurück.

(…) Auch wenn die DB-Zugbegleiter gemäß den geltenden Richtlinien gehandelt haben, sieht sich die Deutsche Bahn in der Verantwortung für ihre Fahrgäste.

Dementsprechend wurde das Fahrrad von Bahnhofsmitarbeitern in Regensburg sichergestellt und wird jetzt der Familie zusammen mit einem Reisegutschein zur Wiedergutmachung zugestellt. Die Deutsche Bahn bedauert die für die Familie entstandenen Unannehmlichkeiten.

Anders als „Bild“ behauptet, ist das Fahrrad also nicht „verschwunden“, sondern in der Obhut der Deutschen Bahn.

Bei Bild.de scheinen sie diese Pressemitteilung allenfalls halbherzig gelesen zu haben:

Die Deutsche Bahn hat die Darstellung des Vorfalls im ICE mittlerweile zurückgewiesen. Nicht das Zugpersonal habe das Fahrrad des Jungen aus dem Zug entfernt, sondern seine Mutter. Sie habe es am Bahnhof Regensburg selbst zurückgelassen, nachdem sie auf das in ICEs geltende Fahradverbor aufmerksam gemacht worden war, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns.

So steht es unter dem heutigen Artikel — einfach nachträglich drangeklatscht, nachdem dieser schon veröffentlicht worden war.

Bild.de wiederholt dort noch einmal die rührseligen und offensichtlich falschen Schilderungen der Zeitung.

Da Mutter und Sohn nicht aussteigen, stellt der Herzlos-Schaffner das Rad auf den Bahnsteig. Traurig sieht der Junge, wie die Türen schließen, der ICE losrollt … Das Rad ist seither verschwunden.

Aber es gibt ja eine gute Nachricht:

Jetzt erhielt Ben Ersatz! Allerdings nicht von der Bahn – sondern von einem empörten Unternehmer aus Mainz, der durch die BILD-Berichterstattung aufmerksam wurde.

Tobias H. (29) schenkte dem Jungen ein neues Bike: „Wenn man sich reinversetzt in einen 7-jährigen Jungen – das trifft einen im Herzen!“

Der kleine Ben hat jetzt also zwei Fahrräder und der gutmütige Unternehmer ist auf die „Bild“-Berichterstattung reingefallen.

Mit Dank an Sven S.