Runterputzfimmel

Das ist auch so, dass ich rein gar nicht mehr vorkomme: je lauter ich gegen die schreie, umso weniger komme ich da vor, was sehr, sehr gut ist.
(Charlotte Roche über ihr Verhältnis zu „Bild“ im BILDblog-Video-Interview)

Seit dem Frühjahr dieses Jahres berichten „Bild“ und insbesondere Bild.de wieder vermehrt über Charlotte Roche. Das ist wahrscheinlich gar kein Wunder, weil Roche einen Bestseller namens „Feuchtgebiete“ geschrieben hat, in dem es auch um Sex und Körperausscheidungen geht. Es lassen sich also hervorragend Artikel über Roche schreiben, in denen beispielsweise das Wort „Porno“ in der Überschrift vorkommt. Und auch wenn man bei Bild.de eigentlich findet „minimales Niveau, maximaler Erfolg“, kommt keiner der „Feuchtgebiete“-Artikel ohne Link zum Onlineshop von Bild.de aus, wo man das Buch kaufen kann.

Aber auch „Bild“ kam nicht an Roche vorbei, inszenierte einen (offenbar einseitig erklärten) „Zickenkrieg“ zwischen Roche und Lady Bitch Ray und schlich sich zu „Schamlos-Charlotte“ in eine Lesung des „Schmuddel-Romans“.

Kürzlich waren Charlotte Roche und ihr Buch mal wieder Thema in der Hamburger Lokalausgabe von „Bild“:

Roger Willemsen putzt Charlotte Roche runter: Autoren-Zoff um ihre \"Feuchtgebiete\"

„Radikal, drastisch und ebenso zart. Ich erinnere mich nicht, ein Debüt-Manuskript in der Hand gehabt zu haben, so sicher, so mutig und so voller Gegenwart wie dieses.“
(Roger Willemsen im Klappentext zu „Feuchtgebiete“)

Leser von „Feuchtgebiete“ wird das überraschen, hatte Willemsen doch einen lobenden Klappentext für das Buch formuliert (siehe Kasten). Das ahnt auch „Bild“:

Dass Willemsen sich über Roche, mit der er befreundet ist, so mokiert, verwundert.

Trotzdem schreibt die Zeitung kurz vorher:

Doch jetzt putzt er Charlotte Roche (30) runter, stänkert gegen ihr Skandal-Buch „Feuchtgebiete“. Es sei „mit Abstand das ekelerregendste Buch“, das er kenne, sagte Willemsen dem Magazin „Zeit Campus“.

Nun sind diese fünf Wörter richtig aus „Zeit Campus“ abgeschrieben. Allerdings stehen sie in einem Kontext, der die Behauptung, Willemsen „putze“ Roche und ihr Buch „runter“ in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt:

Sie sind mit Charlotte Roche befreundet. Ihr Buch „Feuchtgebiete“ haben Sie schon gelesen, als es noch ein Manuskript war.

Es ist mit Abstand das ekelerregendste Buch, das ich kenne. Aber in dieser Metapher der Hygiene steckt einiges: Ordnung, Entfernung von Lebensspuren, Verdrängung. Charlotte ist auf einen der letzten Bereiche zugelaufen, in denen es eine Form von gesellschaftlichem Konsens gibt. Und ihr fällt auf: Da ist ein Bereich von Erfahrung, in dem wir beengt und normiert werden.

Klingt nicht nur anders, sondern auch kompliziert. Und auf alle Fälle nicht wie etwas, das die Bezeichnung „Autoren-Zoff“ verdient hätte.

Roger Willemsen äußerte sich auf unsere Anfrage dann auch wie folgt:

Dass nun die notorische Animosität, die Charlotte zurecht gegen „Bild“ hegt, dazu führt, dass ich gegen Charlotte in Stellung gebracht werden soll, das könnte man infam nennen, wenn es das Wort verdiente. Ich habe das Manuskript der „Feuchtgebiete“ früh gelesen, finde das Buch erstaunlich, habe mich für seine Publikation eingesetzt, mit Charlotte lange darüber gesprochen und soll jetzt abrücken? Den Gefallen tue ich „Bild“ nicht, finde aber die teilweise spießige Reaktion bezeichnend.
Ekel ist kein literarisches Urteil, sondern verrät eher, dass da noch etwas war, das empören konnte.