Wie man Luft erwärmt

Im Allgemeinen hält Bild.de klassische Bildung ja eher für überflüssig — es sei denn, man kann damit jemanden anschwärzen. Einen weiteren Grund gibt es aber doch:

Mit diesem Wissen können Sie richtig angeben

Da Wissen nicht auf Bäumen wächst, haben die Bild.de-Redakteure einfach in dem Buch „Physik für Eierköpfe“ des britischen Wissenschaftlers Brian Clegg geblättert und daraus zehn „kuriose Fakten“ abgeschrieben. Das heißt: fast abgeschrieben. Denn obwohl Clegg in jedem Mini-Kapitel ein paar mundgerecht aufbereitete „Fakten zum Angeben“ auflistet, schafft es Bild.de, trotzdem noch Fehler einzubauen.

BILD.de stellt hier die zehn kuriosesten Fakten der Physik vor: 1. Fällt Schweres wirklich schneller als Leichtes?  Der griechische Philosoph Aristoteles behauptete genau das. Macht ja auch Sinn, wenn man gleichzeitig Hammer und Feder fallen lässt. Da er als der Mann in der Physik überhaupt galt, zweifelte niemand an seiner Theorie, bis Apollo-15-Kommandant Dave Scott kam. 1972 führte er das Experiment auf dem Mond durch. Und siehe da: Ohne Luftwiderstand erreichten beide Gegenstände gleichzeitig den Boden.

Aristoteles hatte zwar einigen Einfluss, aber Galileo Galilei hatte bereits 1604 festgehalten, dass Gegenstände unabhängig vom Gewicht von ihrer Masse gleich schnell fallen, wenn der Luftwiderstand keine Rolle spielt — über 350 Jahre vor den Mondmissionen. Das steht im übrigen auch in Brian Cleggs Buch und sollte eigentlich jedem bekannt sein, der im Physikunterricht nicht geschlafen hat. Und wer es nicht weiß, kann es sich von Dave Scott selbst erklären lassen.

Doch dann wagt sich Bild.de auch noch an die Relativitätstheorie heran:

3. Der einfachste Trick, um Einsteins Relativitätstheorie zu kapieren  Wenn man einem Objekt Energie zuführt, vergrößern wir dessen Masse. Heißt: es wird schwerer. Eine Tasse heißer Kaffee wiegt daher mehr als eine Tasse kalter Kaffee.

Das ist zwar hypothetisch richtig: Wie Einstein in seiner Relativitätstheorie festgestellt hat, besteht ein Zusammenhang zwischen Energie und Masse. Der Effekt bei der Erwärmung einer Tasse Kaffee wäre aber so gering, dass er sich nicht messen lässt. Gleichzeitig dehnt sich Kaffee bei der Erwärmung aus, die Flüssigkeit wird also im Verhältnis zum Volumen leichter. Außerdem nimmt seine Masse durch Verdunstung ab. Der erwärmte Kaffee ist also in der Realität eher leichter als zuvor.

Wer also – wie von Bild.de vorgeschlagen – beim „Smalltalk im Aufzug oder bei einem wichtigen Geschäftsessen“ mit der Kaffee-Version von Einsteins Relativitätstheorie aufwarten will, kann nur darauf hoffen, dass sein Gegenüber noch weniger Ahnung von Physik hat als er selbst (oder als Bild.de).

Mit Dank auch an Markus K.