Wie „Bild“ Ronald Schills Weste weißte

Die Liste derjenigen, bei denen sich die „Bild“-Zeitung entschuldigen sollte, ist vermutlich so lang, dass sie nicht ausgedruckt werden kann, ohne eine Explosion des Papier-Preises zu verursachen. Vergangene Woche ist sie wieder um ein paar Namen länger geworden.

Denn in der vergangenen Woche hat „Bild“ ein Video veröffentlicht, das angeblich zeigt, wie der frühere Hamburger Richter und Innensenator Ronald Schill Kokain schnupft und erklärt, wie er die Öffentlichkeit mithilfe eines Haartests über seinen Drogenkonsum getäuscht habe. Das ist insofern überraschend, als sich „Bild“ vor sechs Jahren, nachdem Schill diesen Test gemacht hatte, ganz außerordentlich sicher war. „Bild“ Hamburg titelte am 19. Februar 2002:

Schill nahm nie Kokain

Diese Schlagzeile scheint nicht nur aus heutiger Sicht falsch zu sein — sie war auch aus damaliger Sicht schon falsch, nämlich durch nichts gedeckt. „Bild“ wusste genau, dass die Aussagekraft des Haartestes, den Schill hatte machen lassen, nicht weiter als knapp eineinhalb Jahre zurückreichte. Und „Bild“ selbst schrieb, die Mediziner hätten „sporadische Einnahmen“ von Kokain als „unwahrscheinlich“ bezeichnet — also nicht ausgeschlossen.

Der Name des Autors über dem „Bild“-Artikel vom vergangenen Samstag („Ein deutscher Politiker schnupft ungeniert Kokain!“) ist übrigens derselbe, der über dem „Bild“-Artikel von 2002 („Schill nahm nie Kokain“) stand: Christian Kersting. — Lustig.

Jedenfalls behauptete „Bild“ 2002, die Münchner Rechtsmedizin, die die Probe damals untersuchte, habe „die genauestmögliche Messmethode angewandt, die es gibt“. Dabei hatte der Toxikologe Hans Sachs laut „Bild“ bloß gesagt: „Das war die genaueste Analyse, die je an diesem Haus durchgeführt wurde.“ Wolfgang Eisenmenger, der Vorstand des Instituts, erklärte jetzt gegenüber morgenpost.de, andere Labors hätte empfindlichere Tests durchführen können — Schill habe das aber abgelehnt.

Das wusste man damals noch nicht; bekannt war aber, wie begrenzt die Aussagekraft dieser Untersuchung war. Am selben Tag, an dem „Bild“ titelte: „Schill nahm nie Kokain“, berichtete z.B. die „taz“:

Die Aussagekraft der Haarprobe war im Vorfeld allerdings selbst vom durchführenden Toxikologen Prof. Hans Sachs in Frage gestellt worden. Auch sein Frankfurter Kollege Gerold Kauert betonte, dass „nur relevanter Drogenkonsum nachgewiesen werden kann, so bei einem Menschen, der jedes Wochenende Drogen nimmt“. Ähnlich hatte sich auch der Leiter des Institutes für pharmazeutische Forschung in Nürnberg, Prof. Fritz Sörgel, geäußert.

Ähnlich berichtete damals auch „Spiegel Online“.

Schill ignorierte diese wichtigen Einschränkungen natürlich — und seine Freunde von „Bild“ auch. Für die Zeitung, die den „Richter Gnadenlos“ in Hamburg in den Monaten zuvor maßgeblich groß gemacht und zum einsamen, durchgreifenden Kämpfer gegen Kriminelle hochstilisiert hatte, blieb nicht der Hauch eines Zweifels.

„Bild“ über „Panorama“

„Bild“, 12.2.2002:
Hamburgs Innensenator Ronald Schill (43) will ein für alle Mal die unglaublichen Kokain-Vorwürfe gegen sich aus der Welt schaffen! Als erster Politiker unterzog er sich gestern im Gerichtsmedizinischen Institut München einem Haartest.
Schill reagierte mit seinem aufsehenerregenden Schritt auf unbewiesene Vorhaltungen des NDR-Magazins „Panorama“. In der TV-Sendung hatte ein angeblicher Zeuge behauptet, Schill habe sich bei einer Wahlparty am 23. September 2001 in Hamburg mit dem Finger „weißes Pulver“ auf das Zahnfleisch gerieben. Laut „Panorama“ eine gängige Methode, um Kokain zu konsumieren.

„Bild“, 21.2.2002:
Verlierer
Das TV-Magazin „Panorama“ (NDR) hat vor dem Landgericht Hamburg eine schwere Niederlage erlitten. Das Polit-Magazin darf nicht mehr behaupten, dass Hamburgs Innensenator Schill Kokain genommen hat. Sonst droht ein Ordnungsgeld von 250 000 Euro. BILD meint: Bitte nicht von unseren Rundfunkgebühren…

Zur Untersuchung der Haarprobe sah sich Schill gezwungen, nachdem das ARD-Magazin „Panorama“ am 7. Februar 2002 einen unkenntlich gemachten Zeugen präsentiert hatte, der angab, Schill beim offenkundigen Kokain-Konsum gesehen zu haben. (Entsprechende Gerüchte waren schon vorher aufgetaucht.) „Bild“ listete deshalb am 22. Februar 2002 unter der Überschrift „Wer sich bei Schill entschuldigen sollte“ unter anderem auf:

Jobst Plog, NDR-Intendant. Er ist der oberste Chef und verantwortlich für den Bericht. Gegen ihn erwirkte Schill eine einstweilige Verfügung.

Kuno Haberbusch, Panorama-Chefredakteur. Sein Magazin präsentierte den offenbar falschen Zeugen und montierte angeblich widersprüchliche Aussagen Schills aneinander.

Prof. Wolfgang Hoffmann-Riem, Bundesverfassungsrichter. Er hatte in einem offenen Brief Schill aufgefordert, sich zu den Kokain-Vorwürfen zu äußern. Scheinheilig dozierte er dabei, er sei nur um das Ansehen des Amtes besorgt.

Bei wem sich die „Bild“-Zeitung nun ihrerseits entschuldigt hat (unser erster Vorschlag: die Leser), ist unbekannt.

 
PS: Auch den „Bild“-Kolumnisten Franz Josef Wagner beschäftigte der Fall. Am 12. Februar 2002 schrieb er an Schill einen Brief:

Lieber Innensenator Schill,

obwohl ich Ihr Law-and-Order-Gedöns überhaupt nicht mag, finde ich mich plötzlich unter denen, die Sie verteidigen. „Panorama“ hat einen anonymen Zeugen auftreten lassen, der behauptete, Sie hätten sich auf einer Party weißes Pulver auf Ihr Zahnfleisch gerieben. Von da an standen Sie unter dem Anfangsverdacht zu koksen. (…)

Ich finde die „Panorama“-Sendung beschämend. Genauso könnte „Panorama“ per anonymen Zeugen verbreiten, ich, Franz Josef Wagner, Kolumnist der BILD-Zeitung, hätte Sex mit Kindern. Was um Gottes willen kann ich dann machen? Selbstmord? (…)

„Anonym“ war der Zeuge zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Schon zwei Tage nach der „Panorama“-Sendung wurde er als Funktionär der Schill-Partei und namentlich „enttarnt“. Von „Bild“.

Mehr zum Thema in der „Süddeutschen Zeitung“, bei „Panorama“ und bei „Zapp“.