Wir sind Franz!


Jens Weinreich, 42, leitet das Sportressort der „Berliner Zeitung“ und ist wegen seiner regelmäßigen Enthüllungen über die Schattenseiten des organisierten und kommerzialisierten Sports vielleicht einer der meistgehassten Sportjournalisten in Deutschland. Er kritisiert den „Fanjournalismus“ im Stil Waldemar Hartmanns und das Hochjubeln von „Kirmesboxern“ durch die jeweils übertragenden Sender und ist Autor mehrerer Bücher und Filme vor allem über Doping und kriminelle Machenschaften im Sport. 2005 gewann er den „Wächterpreis der Tagespresse“ für seine Enthüllungen von Unregelmäßigkeiten bei der missglückten Olympia-Bewerbung Leipzigs und gründete das „Sportnetzwerk“, das kritischen Sportjournalismus fördern will.

Von Jens Weinreich

Oft habe ich den Kollegen verflucht, der mich zu diesem Beitrag überredet hat. Denn ich gestehe: Ich blättere gewöhnlich nicht in der „Bild“-Zeitung, und darauf lege ich Wert. Vielleicht ein oder zwei Mal im Monat schaue ich in dieses Blättchen. Es mag schrecklich unprofessionell klingen für einen Sportjournalisten, doch das ist mir egal. „Bild“ ist für mich vor allem eines: irrelevant. Über Bundesliga und Nationalmannschaft erfahre ich auch ohne „Bild“ genug, ob ich es will oder nicht. Und es ist wahrlich nicht so, dass „Bild“ in diesem Unterhaltungssektor allen anderen voraus marschieren würde. Ganz im Gegenteil.

Ich will nur über die Sportseiten reden. Da habe ich in dieser Woche nichts gesehen, was ich nicht auch woanders gelesen hätte. Allerdings hat vieles gefehlt, journalistische Texte beispielsweise, aber das ist ja nichts Neues. Hintergründe zu den Dopingpraktiken im deutschen Sport, ob nun im Team Telekom oder an der Universitätsklinik Freiburg? Korruptionsskandale in zahlreichen Sportarten, etwa im Handball-Weltverband, wo gerade Olympiaqualifikationsspiele neu angesetzt werden mussten? „Bild“ hat da nichts Eigenes zu bieten. Der frisch fertig gestellte Bericht des Bundesinnenministeriums („Projektgruppe Sonderprüfung Doping“) wird in „Bild“ nicht einmal erwähnt. (Ich hoffe, ich habe keine dreizeilige Kurzmeldung übersehen.)

Dennoch hat „Bild“ heute wieder einen großen Sport-Tag. Man kapriziert sich auf die übliche Mischung: Helden, Sex und Zwistigkeiten. Der FC Bayern läuft immer: „Hitzfeld geht!“ Nacktfotos gehen auch: „Sex-Skandal um schöne Olympia-Königin“. Und wenn ausnahmsweise mal fünf deutsche Fußballteams unter den letzten 32 Vereinen im zweitklassigen Uefa-Pokal stehen, titelt „Bild“, wie einfallsreich: „Wir sind Uefa-Cup!“ Mit anderen Worten: Es fehlt dem Blatt an exklusiven Sportmeldungen. Selbst den ewig nörgelnden Fußballtorhüter Jens Lehmann („Er muss da weg!“) schreibt man von anderen ab. Diesmal hat Lehmann mit dem Fußball-Zentralorgan „kicker“ geredet. „Bild“ zitiert nur, aber wenigstens mit Quellenangabe.

Lustig wird es allerdings in der Berliner „Bild“-Ausgabe auf der letzten Seite, die dem FC Bayern gewidmet ist. Dass Ottmar Hitzfeld den FC Bayern verlassen will, schreibe man „bereits seit Tagen“, plustert sich „Bild“ auf. Ich weiß nicht, wer das in diesem Lande noch nicht geschrieben hätte. Egal, „Bild“ nennt potenzielle Nachfolger, aber nur die üblichen Verdächtigen. Wenn mehrfach von „Bayern-Bossen“ die Rede ist, wird zwar „Killer-Kalle“ Karl-Heinz Rummenigge genannt, auch Uli Hoeneß — nur einen anderen, den Bayern-Präsidenten, sucht man vergebens in der Liste der Schuldigen am Hitzfeld-Drama.

Kein Wunder, denn Franz Beckenbauer ist als Lichtgestalt sakrosankt. Kritik an ihm verbietet sich. Franz ist nicht nur Kaiser, er ist Gott, wenn es sein muss, geht er über Wasser — und Bild macht ihn zur Not zum Bundeskanzler. Stolz präsentiert „Bild“ auf dieser Bayern-Seite noch eine krude Rangliste des „Manager-Magazins“. Die Frage lautet: Wer regiert in Deutschland das Sport-Business? Die Antwort hätte man sich fast gedacht. „Auf Platz 1: ‘Bild’-Kolumnist Franz Beckenbauer.“ Auf Rang 14, zwar hinter dem IOC-Präsidenten Jacques Rogge (7), aber vor Sportminister Wolfgang Schäuble (17), „noch ein Bild-Mann: Vize-Chefredakteur Alfred Draxler“.

Heißa, da ist die Sportwelt doch wieder in Ordnung, zumindest aus Sicht der „Bild“-Strategen. Wir sind Uefa-Pokal, wir sind Franz und wir sind wichtig. Wir sind übrigens auch ein bisschen unterwürfig: Wie erkundigte sich der „Bild“-Reporter Walter M. Straten vergangene Woche beim „Bild“-Kolumnisten Franz Beckenbauer? „Was ist dran an den Gerüchten, dass Sie ein Franz-Beckenbauer-Museum planen?“ Der Springer-Lohnschreiber dementierte, vorerst noch. „Ein Museum mit meinem Namen?“, erwiderte der Kaiser, „definitiv nicht. Da müsste ich mich ja selbst reinstellen.“

„Bild“ bleibt dran. Bis zur nächsten Kolumne.

 
Unsere Reihe BILDblogger für einen Tag beschließen, wenn alles klappt, Judith Holofernes und Max Goldt.

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