Angst und Ambition

Heute fragt „Bild“:

Haben Sie einen neuen Mann, Frau Oettinger? (...) Die Antwort ist kurz und geheimnisvoll: "Kein Kommentar."

Geheimnisvoll, soso.

Hier zum Vergleich eine wirklich geheimnisvolle Antwort. Die Frage lautet ungefähr: Herr Oettinger, sind Sie von „Bild“ dazu getrieben worden, in der Zeitung zu verkünden, dass Sie sich von Ihrer Frau getrennt haben? Seine Antwort steht heute in den „Stuttgarter Nachrichten“ und lautet:

„Das werde ich später mal beantworten.“

Bis dahin kann man nur spekulieren, wie freiwillig der baden-württembergische Ministerpräsident gestern in „Bild“ das „Liebes-Aus“ erklärt hat:

Oettinger wäre nicht der erste Prominente, der berichten würde, dass die Zeitung ihn mit einer Mischung aus Drohungen und Angeboten dazu gebracht hätte, ihrem Willen nachzugeben, etwa, indem sie ihm verschiedene mögliche Formen der Berichterstattungen aufzeigt, je nach Grad der Kooperation mit „Bild“.

Die „Frankfurter Rundschau“ spricht davon, dass die „Bild“-Zeitung in den vergangenen Tagen „ihre Folterwerkzeuge auspackte“:

Zuerst berichtete das Blatt in seiner Stuttgarter Regionalausgabe, Inken Oettinger habe 170 hochmögende Damen der Gesellschaft beim Adventskaffee in der Berliner Landesvertretung mit dem Hinweis auf das Fußballtraining des Sohnes einfach sitzen gelassen. Dann titelte sie in der Deutschlandausgabe „Deutschlands seltsamstes Politiker-Ehepaar“. Nun wurde Stufe drei gezündet: „Ehe kaputt“.

Auch die „Stuttgarter Nachrichten“ formulieren, Oettinger habe „dem Druck der ‚Bild‘-Zeitung nachgegeben“ und berichten aus der Stuttgarter Regierungszentrale:

„Die haben dem Chef doch das Messer auf die Brust gesetzt“, meint einer. Was das heißen könnte? „Bild“ soll gedroht haben, die Ehe-Probleme öffentlich zu machen. So viel ist klar: In der vergangenen Woche soll es ein Telefonat zwischen „Bild“-Chef Kai Diekmann und der Regierungszentrale gegeben haben.

Seit Monaten schon habe „Bild“ Oettinger angeboten, „seine privaten Dinge über den Boulevard zu regeln“, was der Ministerpräsident abgelehnt habe, schreiben die „Stuttgarter Nachrichten“, und:

„In Berlin wird kolportiert, der Springer-Konzern habe für diese Woche mit der Veröffentlichung von Details aus dem Privatleben des Paares gedroht. Das aber wollten sich die Oettingers ersparen.“

In einem Leitartikel kritisieren die „Stuttgarter Nachrichten“ Oettingers Art des Coming-Outs:

Politiker und Journalisten in Baden-Württemberg wissen seit langem von den Schwierigkeiten der Eheleute Oettinger – aus Respekt vor der Privatsphäre haben sie geschwiegen. Viele Redakteure, auch dieser Zeitung, haben Oettinger auf seine Ehe angesprochen – die Antwort „Kein Kommentar“ wurde stets respektiert.

Auf die Frage, warum Oettinger sein Schweigen exklusiv für und in „Bild“ brach, sei im Staatsministerium von einer „Zwangslage“ die Rede: „Wir konnten doch nicht anders.“

Zu groß ist offenbar die Angst christlich-konservativer Landespolitiker mit Ambitionen in Richtung Berlin, es sich mit „Bild“ zu verderben. Sicherheit gibt da wohl nur das Gefühl, von „Bild“ geliebt zu werden, egal um welchen Preis.

Und der Boulevard dankt: Als „einen der mächtigen CDU-Kronprinzen“ titulierte „Bild“ den baden-württembergischen Ministerpräsidenten gestern prompt. Man kann das auch anders sehen: Ein mächtiger Kronprinz braucht ein starkes Rückgrat, er braucht Souveränität, er knickt auch vor „Bild“ nicht ein.

Der Kommentar schließt:

Günther Oettinger […] lässt sich am Ende des „Bild“-Berichtes mit einem Satz zitieren, der angesichts der zweidrittelseitigen Aufmachung seines Ehe-aus-Bekenntnisses so absurd wie verzweifelt anmutet: „Wir haben die Bitte, dass die Öffentlichkeit unsere Privatsphäre akzeptiert.“ Wir gehen davon aus, dass sein Appell nicht dieser und anderen seriösen Zeitungen gilt. Sondern der „Bild“-Zeitung, gern auch exklusiv. Seine Chancen stehen nicht schlecht. Den Preis für künftige Wohlbehandlung hat Oettinger schließlich schon bezahlt.