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Das doppelte Lokchen

In weiten Teilen Deutschlands streikten gestern nicht nur die Lokführer, sondern man konnte auch den 29-jährigen Maik Richter auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung sehen, denn:

1. Lokführer gibt offen zu: Ich finde das Bahn-Chaos gut! / STREIK-LOKFÜHRER: "Die Leute müssen merken, wie wichtig wir sind!"

Millionen Pendler kommen zu spät oder gar nicht zur Arbeit! Tausende warten in der Kälte vergebens auf ihren Zug! Fabriken bleiben ohne Nachschub! Der größte Bahnstreik in der Geschichte legt das halbe Land lahm – und dieser Lokführer gibt offen zu: „Ich find das Chaos gut.“

(…) Richter sagt: „Die Leute sollen mal merken, wie wichtig unsere Arbeit ist, die auch gut bezahlt werden muss. Klar ist es nicht schön, am Bahnsteig zu warten, aber ich muss auch an meine Familie denken.“ (…) Er sagt: „Auf dem Bahnhof werden wir jetzt beschimpft. Aber ich hab ein dickes Fell.“

Sagen wir’s so: Maik Richter wird nach der gestrigen „Bild“-Schlagzeile nicht weniger beschimpft worden sein. „Unter den Bundesbürgern stößt der Ausstand jetzt immer mehr auf Ablehnung“, schrieb „Bild“. Und die Nachrichtenagenturen berichteten: „Nach einer Forsa-Umfrage für die ‚Bild‘-Zeitung hat eine Mehrheit von 51 Prozent der Bundesbürger kein Verständnis für den Streik.“ Nun ja. Und obwohl die Sympathie für den Lokführer-Streik in der Bevölkerung im November doch laut n-tv nicht ab-, sondern sogar wieder zugenommen haben soll, dürfte so ein demonstratives Gutfinden des Bahn-Chaos auf der Titelseite von „Bild“ für die Gewerkschaft wenig hilfreich sein.

Das Lokführer-Dementi

„Auch wir Lokführer haben Verständnis für die Verärgerung unserer Reisenden und
‚ICH FINDE DAS BAHNCHAOS NICHT GUT!!!‘

Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren,
mit großem Interesse habe ich soeben den Bericht über meine Person auf www.bild.de gelesen. Dabei musste ich leider feststellen, dass hier Zitate verwendet wurden, welche ich definitiv nicht gesagt habe.

‚Ich finde das Bahnchaos gut‘ soll ich wörtlich gesagt haben und ‚Die Leute müssen merken, wie wichtig wir sind‘. Dies sind Sätze, welche ich nie behauptet und auch in keinster Weise angedeutet habe. Ich habe Ihren Reportern gesagt, dass meine Kollegen und ich vollstes Verständnis für den Ärger unserer Kunden bzw. Reisenden haben. Weiterhin habe ich um Verständnis bei den Reisenden gebeten, da uns leider kein anderes Mittel bleibt, unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen. (…)“

(Quelle: lokfuehrer-in-dortmund.de)

Dass sich Lokführer Maik Richter entschied, auf seiner Homepage ein deutliches Dementi der ihm von „Bild“ und Bild.de zugeschriebenen Aussagen zu veröffentlichen (siehe Kasten), hat uns daher nicht wirklich überrascht.

Überrascht hat uns vielmehr die gestrige Titelgeschichte in der Leipziger „Bild“-Ausgabe:

1. Lokführer gibt offen zu: Ich finde das Bahn-Chaos gut! / STREIK-LOKFÜHRER: "Die Leute müssen merken, wie wichtig wir sind!"

Die Überschriften sind identisch, auch große Teile des Artikels — nur der zitierte und abgebildete „1. Lokführer“ ist in Leipzig nicht der 29-jährige Maik Richter aus Dortmund, sondern der 36- bzw. 37-jährige Thorsten R.* aus Leipzig:

Millionen Pendler (…) in der Kälte (…) Fabriken (…)! Der größte Bahnstreik in der Geschichte legt das halbe Land lahm – und dieser Lokführer gibt offen zu: „Ich find das Chaos gut.“

(…) R. sagt: „Der Streik mit seiner Folge, Deutschland im Personen- wie im Güterverkehr lahmzulegen, ist das einzige Mittel um unsere Forderungen durchzusetzen. Das jetzige Chaos ist gut, weil es notwendig ist und unsere Forderungen unterstreicht. Die Leute müssen merken, wie wichtig wir sind.“

Ob der Leipziger R. ebenfalls behauptet, dies seien Sätze, welche er nie behauptet und auch in keinster Weise angedeutet habe, wissen wir (noch) nicht. Wir wissen nur, dass die trotzkistische Website WSWS.org von den Lokführer-Streiks in Berlin berichtete:

Insbesondere als ein Redakteur der „Bild“-Zeitung nach einem Interview fragte, fand sich niemand, der sich dazu bereit erklärte. Diesem „Lügenblatt“ gebe man keine Interviews.

Mit Dank an die Hinweisgeber und an Kai L. für die „Bild“-Leipzig-Scans.

*) Name und Gesicht von uns unkenntlich gemacht.

Nachtrag, 20.11.2007: Inzwischen erreichte uns auch eine Stellungnahme des Leipziger Lokführers Thorsten R. (37), der ebenfalls darauf hinweist, dass seine Aussagen von der „Bild“-Zeitung „sinnentstellt und völlig aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt“ worden seien. (Nicht „die Leute“ sollten merken, wie wichtig die Lokführer seien, sondern „der Bahnvorstand“; und das Chaos finde er nicht „gut“, sondern „notwendig“.) Auf Nachfrage sagte uns R*, er habe mit dem „Bild“-Reporter, mit dem zunächst in den Streiklokalen in Halle und Leipzig niemand zu reden bereit gewesen sei, lange über den Alltag der Lokführer in der Güterverkehrssparte Railion gesprochen, nachdem ihm der „Bild“-Reporter zu verstehen gegeben habe, dass die „Bild“-Zeitung mit ihrer Berichterstattung „was für die Lokführer tun“ wolle.