„Bild“ entnazifiziert Studentenverbindungen

Wie freundlich von der „Bild“-Zeitung, dass sie ihren Lesern heute, am Tag nach der Münsteraner „Tatort“-Folge „Satisfaktion“ schnell mal „die geheimnisvolle Welt der Verbindungen“ erklären will.

Wir zitieren zunächst mal die „Bild“-Antwort auf die Frage „Wird wirklich so maßlos getrunken?“:

Nein, niemand ist gezwungen, Alkohol zu trinken. Feste finden meist „auf“ Verbindungshäusern statt.

Interessanter allerdings ist ein kurzer Satz, der sich in die Antwort auf eine andere Frage („Wie sind Korporationen entstanden?“) geschlichen hat:

Alle Korporationen wurden unter den Nazis verboten.

Der Satz ist insofern nicht falsch, als sich in den Jahren 1935/36 die meisten Korporationsverbände auflösten oder ihnen ihre Existenz „unter den Nazis“ unmöglich gemacht wurde.

Unerwähnt bleibt in „Bild“ jedoch,

  • dass es beispielsweise 1932 in einem offiziellen Beschluss der Deutschen Burschenschaften hieß:

    Die Deutsche Burschenschaft bejaht den Nationalsozialismus als wesentlichen Teil der völkischen Freiheitsbewegung.

  • dass Antisemitismus und Rassismus während des Dritten Reichs und davor in Studentenverbindungen weit verbreitet waren.
  • dass die Auflösung der Korporationen keine vorrangig weltanschaulichen oder politischen Gründe hatte, sondern mit dem drohenden Verlust ihrer Autonomie zusammenhing, und so manche Studentenverbindung im NS-Studentenbund NSDStB fortbestand.
  • dass Studentenverbindungen nach dem Krieg von den Alliierten zunächst als nationalistisch und das Naziregime unterstützend eingestuft und daher verboten wurden.
  • dass einer der „Bild“-Autoren (Christoph Wüllner) selbst „Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit“ einer Studentenverbindungsorganisation ist.
  • und dass „Bild“-Chef Kai Diekmann bekanntlich Mitglied einer Münsteraner Studentenverbindung ist.

Weiterführende (wenngleich nicht immer neutrale) Informationen zum Thema u.a. bei der Burschenschaft der Bubenreuther und der Alemannia Bonn, bei der Deutschen Burschenschaft, beim AK Clubhausias, im Historischen Lexikon Bayerns, bei der antifaschistischen Gruppe Gegenstrom, bei Wikipedia und in der „Süddeutschen Zeitung“.*

*) In „Bild“ heißt es am Ende der eigenen Erklärungsversuche: „Mehr Infos: www.tradition-mit-zukunft.de“ Es handelt sich dabei um eine Community von Verbindungsstudenten für Verbindungsstudenten (zwischenzeitlich mit Dank an „Bild“ offline).

Mit Dank auch an Jan und Pierre für die Anregung.