„Bild“ erinnert an Hitlers Autobahn

Was bisher geschah: Die ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman hat sich mehrmals mindestens missverständlich, wenn nicht positiv über die Familienpolitik der Nazis geäußert. In der Sendung von Johannes B. Kerner am Dienstag sorgte sie für Aufregung, weil sie nicht bereit war, Fehler zuzugeben und behauptete: „Man kann nicht über den Verlauf unserer Geschichte sprechen, ohne in Gefahr zu geraten.“ Als sie dafür kritisiert wurde, ausgerechnet von einer „gleichgeschalteten Presse“ gesprochen zu haben, obwohl auch der Ausdruck der Gleichschaltung von den Nationalsozialisten stammt, verteidigte sie sich mit den Worten: „Natürlich ist er da [im Dritten Reich] benutzt worden, aber es sind auch Autobahnen damals gebaut worden und wir fahren heute drauf.“ Auf Wunsch des Moderators und der Mitdiskutanten verließ Eva Herman wenig später das Studio.

Die Medien berichteten groß und fanden kaum ein positives Wort für Herman. („Bild“ wählte, siehe Ausriss, die merkwürdige Überschrift „EVA HERMAN — Bei Kerner erinnerte sie an Hitlers Autobahn“.)

Aber in einer großen Zahl von Leserbriefen, Anrufen bei Hotlines, heftigen Diskussionen im Internet und Kommentaren bei Online-Medien wird deutlich, dass viele Menschen der Meinung sind, Eva Herman sei Unrecht geschehen. Und, was wichtiger ist: Sie sind offenbar der Meinung, man dürfe in Deutschland nur über die deutsche Geschichte reden, wenn man samt und sonders alles, was mit dem Dritten Reich zu tun hat, als böse und verwerflich verurteile. Der teils bizarre Verlauf der „Kerner“-Sendung scheint bei vielen den Eindruck erweckt zu haben, es genüge, im Zusammenhang mit dem Dritten Reich die Autobahnen zu erwähnen, um eine Art Redeverbot zu erhalten.

Und damit zur „Bild“-Zeitung: Wir können nur erahnen, mit welcher Zahl an Leserreaktionen sie überschwemmt wurde, und wir wissen nicht, wie viele davon sich mit Eva Herman solidarisierten oder sinngemäß betonten, es sei ja nicht alles schlecht gewesen, damals.

Aber es ist offenkundig, dass der heutige Artikel „Darum ist es so gefährlich, Hitlers Autobahn zu loben“ (siehe Ausriss) weniger mit Eva Herman zu tun hat und mehr mit den Reaktionen vieler Menschen in Deutschland. „Bild“ tut Herman zweifellos auch Unrecht, wenn sie die folgende Geschichtsstunde an ihr aufhängt und fragt: „Was ist falsch an Hermans Thesen und ähnlichen Sprüchen über die Nazis?“

Und doch ist die dann folgende Lektion eine Sternstunde des Boulevardjournalismus, denn in knappster und sehr pädagogischer Form lässt „Bild“ den Historiker Wolfgang Wippermann (der auch in der Kerner-Sendung als Experte geladen war) gängige Klischees über den Nationalsozialismus zurecht rücken und scheut dabei auch nicht davor zurück, besonders heikle Punkte anzusprechen:

(…)

AUFSCHWUNG

Viele sagen: „Der Wirtschaft ging es damals besser.“

Prof. Wippermann: „Das trifft allenfalls auf einige zu, und keineswegs für das gesamte Dritte Reich. Der Aufschwung der ersten Jahre unter Hitler wurde durch die Aufrüstung und dann durch den Krieg erkauft. Am Ende des Krieges verloren dann die meisten alles.“

HOLOCAUST

Viele sagen: „Man hat damals nichts gewusst von der Sache mit den Juden.“

Prof. Wippermann: „Falsch! Die meisten wussten und sahen vieles (Judensterne, „Reichskristallnacht“, Deportationen in die Lager). Es gab auch Berichte über Verbrechen an der Front, die Soldaten auf Heimaturlaub erzählten. Die meisten Deutschen haben weggesehen und verdrängt.“

SCHULD

Viele sagen: „Das Böse haben nur Nazis und SS getan.“

Prof. Wippermann: „Stimmt nicht! Einige (nicht alle) Angehörige der Wehrmacht waren an Verbrechen beteiligt. Das gilt auch für Mitglieder der normalen Polizei.“

WIDERSTAND

Viele sagen: „Der kleine Mann konnte nichts tun gegen Hitler.“

Prof. Wippermann: „Kleine Leute haben generell wenig Einfluss. Aber: Gerade im Dritten Reich war der Widerstand auch der Widerstand kleiner Leute. Es gab nicht nur den 20. Juli 1944 (Putschversuch hoher Offiziere, Attentat auf Hitler), sondern auch Menschen, die z. B. Juden bei sich versteckten.“

(…)

In „Bild“ steht alle paar Tage groß das Wort „Hitler“, meistens über Artikeln, die in fast frivoler Weise mit dem Grusel und Kitzel des Nationalsozialismus spielen. Heute steht darunter ein Stück Aufklärung.