Die Hurrikan-Sucht von „Bild“

Vielleicht ist es ja etwas Pathologisches, eine Sucht. So wie Alkoholiker kein Bier stehen und Kleptomanen keine Handtasche hängen lassen können, so kann „Bild“ kein Unwetter vorüberziehen lassen, ohne Unsinn darüber zu schreiben.

Im März berichtete das Blatt über den Extremwetterkongress in Hamburg, schob dem Meteorologen und Hurrikan-Experten Thomas Sävert falsche Zitate über einen angeblichen „Hurrikan-Alarm auf Mallorca“ unter und bebilderte den Hurrikan-Artikel auch noch mit einem Tornado (wir berichteten). Die Rechtsabteilung des Wetterdienstes Meteomedia, bei dem Sävert angestellt ist, hat sich nach seinen Worten damals massiv bei der „Bild“-Zeitung beschwert.

Im Juni rief „Bild“ dann einen „Tornado-Alarm über Deutschland“ aus und machte sich immerhin die Mühe, die dünne Geschichte wenigstens mit einem Tornado zu bebildern — wenn auch mit einem kanadischen (wir berichteten ebenfalls). Immerhin kam Sävert in dem Artikel nicht vor — wegen der Geschichte vom März, sagt er, habe er ein Interview mit „Bild“ abgelehnt.

Am Donnerstag nun ereignete sich ein schweres Unwetter über Mallorca; die Insel wurde offenbar von einem oder mehreren Tornados getroffen.

Klima-Forscher warnen: Das war erst der Anfang / Tornados verwüsten Mallorca!Für die „Bild“-Zeitung bestätigt das Unwetter nun genau das, was sie schon im März herbeiphantasiert hatte. Sie macht heute mit dem Thema auf (siehe Ausriss), zeigt im Inneren noch einmal den falschen und falsch bebilderten Hurrikan-Artikel von damals und schreibt:

Schon beim Extremwetter-Kongress im März in Hamburg sprach Hurrikan-Forscher Thomas Sävert von gewaltigen Wirbelstürmen, die aufgrund des Klimawandels über dem Mittelmeer entstehen können: Pro Jahr ziehen bis zu 3 Hurrikane über die Mittelmeer-Region. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis einer Mallorca trifft (BILD berichtete). (…)

Experte Sävert: Die Hurrikane im Mittelmeer seien zwar nicht so gewaltig wie die in der Karibik. Aber der Klimawandel werde dafür sorgen, dass sie immer stärker werden.

Nein. Zur Veranschaulichung noch mal das, was uns Thomas Sävert damals erklärte:

„Ich bezog eindeutig Stellung, dass es zwar hurrikanähnliche Stürme im Mittelmeerraum gibt, die aber keinesfalls die Stärke der tropischen Hurrikane erreicht und daher auch nicht als solche bezeichnet werden sollten. Die Insel Mallorca habe ich mit keinem Wort erwähnt, und ich habe auch nicht davon gesprochen, dass diese ‘Hurrikane’ stärker werden sollen. Alle Zitate sind gefälscht. Ich bin eigentlich als seriöser Wissenschaftler bekannt, der solche Aussagen, wie sie in der ‘Bild’-Zeitung getroffen wurden, nie machen würde.“

Zum aktuellen Tornado über Mallorca erklärt er uns:

„Die jüngsten Unwetter haben mit einem Hurrikan so viel zu tun wie die berühmten Äpfel mit Birnen. Es waren Unwetter, aber eben definitiv kein Hurrikan, und die aktuellen Unwetter lassen keinerlei Schluss auf das zukünftige Wetter auf der Urlaubsinsel zu.“

Sävert klagt, sein Ruf als Meteorologe leide erheblich darunter, mit solchem Quatsch wie in „Bild“ zitiert zu werden; er will gegen die Zeitung vorgehen. Ohne sein falsches Zitat fehlt der Zeitung übrigens auch jeder Beleg, dass Mallorca der „Klima-Kollaps droht“, wie sie in einer weiteren Überschrift behauptet.

Aber vielleicht ist es ja etwas Pathologisches, die Sache mit „Bild“ und den Unwettern. Von Krankheiten wie Alkoholismus oder Spielsucht kann man übrigens nie ganz geheilt werden. Betroffene können nur lernen, der Versuchung zu widerstehen.

Der erste Schritt ist natürlich, es zu wollen.

Übrigens: Auch die „Welt“ behauptet heute unter der Überschrift „Klimaforscher erwarten regelmäßige Tornados und Hurrikans im Mittelmeer“, dass Sävert im Mittelmeerraum künftig Hurrikans erwarte, ausgelöst „durch die zunehmend stärkeren Temperaturunterschiede“. Es scheint, als sei der „Welt“-Autor der falschen „Bild“-Berichterstattung im März aufgesessen. Nachdem sich Sävert auf „Welt Online“ beschwerte, wurde der entsprechende Absatz des „Welt“-Artikels dort ohne Erklärung oder Hinweis gelöscht.
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