Polizei findet „Bild“-Bericht grenzwertig

Es ist nicht das erste Mal, dass „Bild“, nachdem jemand von der Polizei mit einem Fahndungsfoto gesucht und gefunden worden war, anschließend ein großes, identifizierbares Foto des mutmaßlichen Täters zeigte.

Auch der Presserat hatte sich noch im Juni mit einem ähnlichen Fall (damals zeigte „Bild“, wie berichtet, das Foto einer jungen Frau) befasst — und, wie berichtet, die „Bild“-Veröffentlichung missbilligt, da „kein öffentliches Interesse“ zu erkennen sei, „das die Persönlichkeitsrechte der Frau überlagert hätte“. Daran habe auch die Tatsache nichts geändert, dass nach der Betroffenen mit Hilfe einer Kameraaufnahme gefahndet wurde:

Mit dem Auffinden der jungen Frau erlosch jedenfalls das Fahndungsinteresse der Polizei (…). Danach hätte die Zeitung auf eine erkennbare Darstellung der Betroffenen verzichten müssen.

Wie wenig diese Missbilligung die „Bild“-Zeitung beeindruckt hat, zeigt ein aktueller Fall:

Es geht dabei um einen Mann, der von der Polizei Bremen wegen „schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes“ gesucht und am vergangenen Mittwoch festgenommen wurde. Laut Polizei konnten zwar weitere mutmaßliche Opfer „noch nicht namentlich ermittelt“ werden, doch sei der Mann, „ein 38-jähriger Lehrer aus Cuxhaven“, inzwischen teilweise geständig, der Fall „aufgeklärt“.

Die Bremer „Bild“-Zeitung, die zuvor auch den Fahndungsaufruf verbreitet hatte, nahm die nun erfolgte Festnahme am Samtag zum Anlass für einen neuen, großen Artikel — und nannte darin nicht nur den (abgekürzten) Namen und Details zum Familienstand, sondern auch den Namen der Schule, an der er unterrichtet. Dominiert wird der Artikel jedoch (siehe Ausriss) vom einem großen Foto, das „Bild“, wie uns die Schule mitteilt, unerlaubterweise von deren Homepage hat und das „Bild“ ohne jegliche Unkenntlichmachung zeigt.

Ein Sprecher der Polizei Bremen betonte auf Anfrage von uns, dass das Foto „kein Fahndungsfoto“ und auch „nicht von der Polizei herausgegeben“ wurde. Obwohl nicht auszuschließen sei, dass der „Bild“-Bericht bei der Suche nach den Opfern behilflich sein könnte, hält die Polizei die Veröffentlichung des Fotos mit Hinweis auf die Persönlichkeitsrechte des mutmaßlichen Täters für „sehr grenzwertig“.

Mit Dank an Christopher und andere für den Hinweis.