Der Kannibale ist kein Kannibale

Ja, die Welt ist manchmal kompliziert, und deshalb, liebe Kollegen von „Bild“, gehen wir die Sache langsam und zum laut Mitlesen noch einmal durch. Also: Ein Kannibale ist jemand, der einen anderen Menschen verzehrt. Klar soweit? Gut, dann weiter: Wer keinen anderen Menschen verzehrt, ist kein Kannibale.

Seit Donnerstag steht fest, dass der Berliner, der einen Sexpartner ermordet und zerstückelt haben soll, kein Kannibale ist. Ein Sprecher der Berliner Justiz sagte, es gebe nach der Obduktion keine Anhaltspunkte dafür, dass es zu Kannibalismus gekommen sei. Das berichteten übereinstimmend verschiedene Agenturen. Am Donnerstag, wie gesagt.

Am Freitag ist der mutmaßliche Mörder in „Bild“ (Ausgabe Berlin) immer noch „Der Kannibale von Berlin“. „Bild“ vergleicht die Straftat mit der des (tatsächlichen) „Menschenfressers von Rotenburg“ und spricht vom „neuen Kannibalen-Fall“.

Am Samstag zeigt „Bild“ „Das Gesicht des Kannibalen“, nennt ihn weiter den „Kannibalen von Berlin“ und verzichtet an keiner Stelle auf die falsche Bezeichnung. Neben einem weiteren Foto steht: „Kannibale Ralf M. (41) wird von Polizisten zum Haftrichter gebracht.“

Man könnte das für eine Kleinigkeit halten, schließlich hat der Verdächtige ja allem Anschein nach sein Opfer aus sexueller Lust und mit kannibalistischen Fantasien getötet. Aber hinter der Entscheidung für die Bezeichnung „Kannibale“ steckt mehr als nur eine sprachliche Boulevard-Kurzformel für jemanden, der aus solchen Motiven mordet. Die Information, dass die Polizei keine Anhaltspunkte für Kannibalismus gefunden hat, die andere Zeitungen zu Formulierungen brachte wie: „Der ‚Kannibale von Neukölln‘ ist nun doch kein Kannibale“, fehlt konsequent in „Bild“-Berlin. Hier heißt es allein: „Er gab an, nichts von dem Toten gegessen zu haben.“ Warum unterschlägt „Bild“ die Information, dass diese Angabe des mutmaßlichen Mörders längst von der Polizei bestätigt ist und er also kein Kannibale ist? Ist die Wahrheit nicht aufregend genug?

Übrigens: Auf die Gefühle der Angehörigen des Opfers kann die „Bild“-Zeitung in ihrem Blutrausch natürlich keine Rücksicht nehmen. Neben ein Bild des Toten stellte sie die sensibel formulierte Überschrift: „Waldorfschule ehrt ihren geschlachteten Pianospieler“.