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„Bild“ erfindet Verbraucherschutzwarnung

"Verbraucherschutz warnt! -- So nutzt Pfarrer Fliege hilfesuchende Zuschauer aus"

Flieges neuer Job als „Seelsorger“ im Spartensender „Help TV“ soll ein Abzock-Format sein. Der Vorwurf: Fliege lockt (…) Hilfesuchende in die Telefonkostenfalle!

Soweit „Bild“ am vergangenen Samstag. „Bild“ berief sich dabei auf Theo Wolsing, Sprecher der Verbraucherzentrale NRW, und zitierte ihn mit den Worten:

„Anbieter wie Fliege nutzen kostenpflichtige Hotlines, bei denen nicht nachvollziehbar ist, ob die Anrufer auch wirklich Kontakt zu den gewünschten Gesprächspartnern erhalten. Wir beobachten die Sendung, warnen vor der Schuldenfalle.“

„In den Mund gelegt“
Das mir in den Mund gelegte Zitat stellt das Gespräch mit Ihrem Mitarbeiter am letzten Freitag auf den Kopf. (…) In Bezug auf Help TV habe ich (…) mehrfach darauf hingewiesen, dass uns derzeit keine Beschwerden vorliegen und ich die zuvor beschriebene Gefahr dort auch nicht sehe – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der Sender quasi unter Auschluss der Öffentlichkeit ausgestrahlt wird. Insofern distanziere ich mich ausdrücklich von der in dem o. g. Artikel vorgenommenen Zuspitzung.
(Aus einer Mail von Theo Wolsing an die „Bild“-Redaktion)

Fragt man bei Verbraucherschützer nach, erfährt man allerdings Erstaunliches: „Bild“ habe sich zwar bei ihm gemeldet und im Gespräch immer wieder „auf Fliege festlegen“ wollen. Er habe jedoch seinerseits wiederholt deutlich gemacht, dass man Help TV zwar beobachte, aber wenig Anlass zur Besorgnis sehe: Es lägen „keine Verbraucherbeschwerden gegen Help TV“ vor, habe Wolsing dem „Bild“-Mitarbeiter gesagt — und vor der „Schuldenfalle“ habe er „ausdrücklich nicht im Zusammenhang mit Fliege“ gewarnt (sondern in Bezug auf andere Call-In-Sendungen). Wolsing hat sich inzwischen auch bei „Bild“ beschwert (siehe Kasten).

Aber „Bild“ hatte ja noch eine zweite Meinung zur „Telefonkostenfalle“ eingeholt und zitierte „Medien-Anwalt“ Burkhard Benecken mit den Worten: „Eine Schadenersatzklage hätte für Opfer eine große Aussicht auf Erfolg.“ Auf Nachfrage sieht sich Benecken zwar korrekt wiedergegeben, sagt uns aber auch, seine Einschätzung beruhe darauf, wie „Bild“ ihm den Fall schilderte — er selbst kenne Help TV nicht.

Und tatsächlich ist der Vorwurf der „Abzocke“ bei Help TV weit hergeholt. Die Kosten für den Zuschauer halten sich dort nämlich in Grenzen: Wer für 50 Cent anruft, wird gebeten, Name und Telefonnummer zu hinterlassen, und kostenlos zurückgerufen.

Nicht ganz glücklich war daher auch Help TV mit dem „Bild“-Bericht vom Samstag. Der Sender wies in einer Pressemitteilung nicht nur darauf hin, dass, was in „Bild“ stand, „grob irreführend“ sei und es „seit Sendestart (…) keine einzige Beschwerde von Zuschauern, Anrufern oder Verbraucherschutzorganisationen“ gegeben habe. Nein, Help TV stieß sich vor allem an einer weiteren „Bild“-Aussage:

BILD machte während der Woche mehrere Testanrufe. Einen Rückruf von Fliege oder seinen Mitarbeitern gab es nicht.

Help-TV bestätigt das, wird aber deutlich konkreter: Am vergangenen Mittwochmittag sei tatsächlich ein Anruf von einer „Bild“-Telefonnummer eingegangen. Allerdings habe der Anrufer keine Rückrufnummer o.ä. angegeben, sondern nach gerade mal 1,8 Sekunden wieder aufgelegt. Und am Freitagnachmittag, wenige Stunden vor Redaktionsschluss, habe es innerhalb kürzester Zeit noch zwei weitere solcher Anrufe gegeben (3,3 Sekunden, 2,5 Sekunden) sowie einen, bei dem tatsächlich eine Rufnummer hinterlassen worden sei (11,7 Sekunden). Wie uns Help-TV-Vorstand Peter Pohl sagt, habe sein Sender heute wie üblich zurückgerufen. (Beratungsbedarf bestand offenbar nicht.)

Und „Bild“, äh, „Bild“? Schreibt heute:

"Nach BILD-Bericht -- Fliege senkt die Preise"

Das ging aber schnell! Samstag berichtete BILD, dass Verbraucherschützer vor Jürgen Fliege (61) warnen, weil der TV-Pfarrer mit seiner Beratungs-Hotline (…) die Anrufer abkassiert. (…) Fliege reagierte prompt: Seit dem Wochenende kostet der Anruf nur noch 14 Cent.

Dass Help TV wesentliche Teile des ursprünglichen „Bild“-Berichts vom Samstag dementiert und dazu übers Wochenende auch im direkten Kontakt mit „Bild“-Mitarbeitern stand, erfahren die „Bild“-Leser nicht.