Wie „Bild“ in den türkischen „Horror-Knast“ kam

Die „Bild“-Zeitung hatte gestern, was viele deutsche Medien gerne gehabt hätten: ein Interview mit dem 17-jährigen Marco W., der in einem türkischen Gefängnis sitzt, weil ihm vorgeworfen wird, ein 13-jähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Geführt hat es nicht „Bild“ selbst, sondern ein Reporter der türkischen Zeitung „Hürriyet“, mit der der Verlag Axel Springer geschäftlich verbunden ist und in deren Beirat „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann sitzt.

Und wie kam es dazu, dass ausgerechnet „Bild“ diesen Scoop landen konnte? Der ARD-Korrespondent in der Türkei, Peter Althammer, beschrieb die Hintergründe gestern im Magazin „Brisant“ so: Diekmann habe beim „Hürriyet“-Chefredakteur angerufen und das Schlagwort „Midnight-Express“ fallen lassen — der Titel eines berühmten Hollywood-Filmes, der die schlimmen Verhältnisse in türkischen Gefängnissen extrem dramatisch schilderte. Offenbar war das wie eine Drohung zu verstehen: Die „Bild“-Zeitung könnte massiv in dieser für die Türkei unliebsamen Richtung berichten.* Jedenfalls sprach der „Hürriyet“-Chefredakteur daraufhin nach eigenen Angaben persönlich mit dem türkischen Justizminister und dem Ministerpräsidenten und bekam die Möglichkeit, das Exklusiv-Interview mit dem 17-jährigen für seine Zeitung und für „Bild“ zu führen.

Solche Deals haben oft ihren Preis, nicht immer einen finanziellen. Im konkreten Fall mutmaßt Althammer, Marco W. und das Interview könnten von der türkischen Regierung dafür instrumentalisiert werden, die Haftumstände besonders rosig zu malen. Filmaufnahmen des Interviews zeigten, wie ihm „fast demonstrativ“ Speisen auf einem Tablett gereicht wurden. Der deutsche Anwalt von Marco W. äußerte bereits den „ganz stillen Verdacht, dass nun die Zustände besser gemacht werden sollen als sie sind“.

Schwer zu sagen, ob das so ist. Aber es fällt auf, wie sich seit dem Interview auch die Berichterstattung in „Bild“ geändert hat. Am vergangenen Samstag und Montag nannte „Bild“ das Gefängnis den „Horror-Knast“. Gestern, am Tag nach dem Interview, fehlte dieser Begriff; heute spricht „Bild“ ausdrücklich vom „angeblichen ‚Horror-Knast'“.

Am Samstag schrieb „Bild“:

Er muss sich mit 30 ausländischen Gefangenen eine Zelle teilen, eine Dusche, eine Toilette. Nur einmal pro Woche darf der Schüler für zehn Minuten seine Mutter sehen. Durch Panzerglas. Sie weint vor Verzweiflung.

Am Sonntag schrieb die „BamS“:

„Marco geht es seelisch sehr schlecht. Er ist körperlich gezeichnet, zittrig, nervös, leidet an Schlafentzug“, so sein Vater.

Heute zitiert „Bild“ den „Hürriyet“-Reporter wie folgt:

HORROR-KNAST? So geht es Marco im Gefängnis wirklich
„Ich war erstaunt. Marco sah zufrieden aus. (…) Hin und wieder lachten wir sogar über das, was er sagte. (…)

Marco erzählte von der Zellendusche ohne Duschkopf. ‚Wir seifen uns ein, kippen uns das Wasser mit einem Eimer über den Kopf. Es gibt nur kaltes Wasser. Da wir Sommer haben, ist es sehr angenehm. Die Dusche ist von 7 bis 20 Uhr geöffnet (…)

Und das Knastessen? ‚Es wäre prima, wenn es mal Pommes und Steak gäbe!‘ (…)“

Na, das klingt ja ganz lauschig. Schwer vorstellbar, dass „Bild“-Chef Diekmann noch vor wenigen Tagen irgendwelche Assoziationen an „Midnight-Express“ gehabt haben soll.

*) Korrektur, 10. Juli: Die „Brisant“-Version der Ereignisse, auf die wir uns teilweise gestützt haben, ist höchst problematisch. Ob Kai Diekmann gegenüber dem „Hürriyet“-Chefredakteur Ertugrul Özkök den Begriff „Midnight Express“ benutzt hat, ist zumindest unbewiesen. In dem „Hürriyet“-Artikel, auf den sich ARD-Korrespondent Althammer bezieht, sagt Özkök zwar, er habe mit Diekmann gesprochen. Die Film-Assoziation bringt er aber selbst ins Spiel: „Ich hatte die Befürchtung, dass sich diese Angelegenheit zu einem neuen ‚Midnight Express‘ entwickeln könnte.“