Allgemein  

Zirkusreife „Bild“-Kampagne gegen Sarrasani

Tag 1:
Es fing eigentlich relativ harmlos an: Vor einer knappen Woche berichtete „Bild“-Dresden zum ersten Mal über die zwei Tiger des"Sarrasani-Tiger wohnen jetzt im Supermarkt!" Zirkus „Sarrasani“: „Sarrasani-Tiger wohnen jetzt im Supermarkt!“ (siehe Ausriss). Mieter hätten sich wegen des Gebrülls beschwert, hieß es. „Bild“ zitierte eine 71-jährige Anwohnerin, die sich gar nicht mehr traue, „an unserem alten Supermarkt vorbeizugehen“. Außerdem stinke es „schrecklich“. Eine weitere Mieterin „schimpft“ angeblich: „Das Gebrüll hört sich so qualvoll an!“ Zwar habe die Stadt die „seltsame Raubtierhaltung“ genehmigt. Allerdings zitiert „Bild“ einen Amtstierarzt, er habe nicht gewusst, dass die Tiger „im Warenlager“ gehalten würden.

Tag 2:
Am Tag darauf berichtete „Bild“"Rettet die Tiger aus dem Supermarkt" wieder über den „Skandal“, den „Bild“-Leser „aufgedeckt“ hätten. Unter der Überschrift „Rettet die Tiger aus dem Supermarkt“ behauptete „Bild“, Sarrasani lasse seine zwei Tiger „seit Wochen“ und „heimlich“ im Supermarkt wohnen. Und Tierschützer würden fordern, dass „Sarrasani seine Tiere sofort artgerecht unterbringt“. (Nebenbei: Als wir einen der von „Bild“ zitierten Tierschützer fragten, ob er die konkrete Unterbringung der Sarrasani-Tiger kenne, beendete der abrupt das Telefon-Gespräch.)

Tag 3:
Am folgenden Tag hieß es in „Bild“: „Tiger in Kaufhalle gehalten: Fliegt"Tiger in Kaufhalle gehalten: Fliegt Sarrasani jetzt aus dem Supermarkt?" Sarrasani jetzt aus dem Supermarkt?“ „Bild“ habe herausgefunden, dass nicht mal der Vermieter der Halle über die „merkwürdige Nutzung als Raubtierkäfig“ informiert gewesen sei. „Ob Sarrasani rausfliegt“, wolle der Vermieter nach einem Gespräch entscheiden. Und wieder hieß es, „Bild“-Leser hätten „aufgedeckt, dass der Varieté-Chef seit Wochen seine Tiger (…) mitten im Wohngebiet hausen lässt.“

Tag 4:
Einen Tag später kam, was kommen musste: „Sarrasani-Tiger im Supermarkt: Der Foto-Beweis!“ Ein „Bild“-Fotograf "Sarrasani-Tiger im Supermarkt: Der Foto-Beweis!"hatte ein Foto gemacht, das, nun ja, einen Tiger hinter Gittern zeigt, und offenbar die Behauptung Sarrasanis widerlegen sollte, es gehe den Tigern gut. „Bild“ fasste noch kurz ihre Kampagne der vorhergehenden Tage zusammen und schrieb, dass sich „wieder Mieter der angrenzenden Wohnblocks bei BILD“ gemeldet hätten. Von „mehreren Eingaben wegen des Gebrülls und Gestanks“ war die Rede. Zu Wort kam dann allerdings wieder nur die 71-jährige Mieterin, die „Bild“ schon am ersten Tag ihrer Kampagne zitiert hatte und die sich nun auch noch über „das Zirkus-Zelt mit Bumbum bis 23 Uhr“ beschwerte. „BILD bleibt dran!“ hieß es abschließend.

Tag 5:
Tat sie auch. Aber nur in Form einer Zwei-Spalten-Meldung, in der es hieß: „Gestern fotografierte BILD exklusiv eine der beiden Raubkatzen“ — und die darüber Auskunft gab, dass Sarrasani „einen zweiten Drahtzaun mit Sichtschutz gegen neugierige Blicke aufgestellt“ habe.

Soweit die Kampagne von „Bild“. Und nun die Fakten:

Die Sarrasani-Tiger wohnen nicht „seit Wochen“, wie „Bild“ mehrfach behauptete, „im Supermarkt“, sondern sie sind bereits seit dem Jahr 2004 auf dem Gelände untergebracht. Und das auch nicht „heimlich“, wie „Bild“ wiederholt schrieb, sondern mit Kenntnis und Billigung des Veterinäramts, das die Haltung abgenommen und regelmäßig kontrolliert hat. „Die Haltungsbedingungen und der Allgemeinzustand der Tiger wurden letztmalig im Dezember 2006 amtstierärztlich kontrolliert“, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung der Dresdner Stadtverwaltung. Zudem fand am Tag des ersten „Bild“-Berichts eine weitere Kontrolle statt. Weiter heißt es in der Mitteilung (und ähnlich auch in einer Stellungnahme Sarrasanis [pdf]):

Bei beiden Kontrollen ergaben sich aus tierschutzrechtlicher Sicht keine Beanstandungen bzw. Auflagen.

Sarrasanis Vermieter, die TLG Immobilien GmbH, ist nach unseren Informationen seit Mietbeginn im Jahr 2004 darüber informiert, dass der Zirkus zwei Tiger auf dem Gelände hält. Bei der TLG wollte man sich uns gegenüber jedoch nicht zu dem Sachverhalt äußern.

Dass laut „Bild“ weder der zitierte Amtstierarzt noch der Vermieter gewusst hätten, dass die Tiger „im Warenlager“ gehalten würden, kann allerdings stimmen. Doch es gibt dafür einen einfachen Grund: Die Tiger werden nicht „im Warenlager“ gehalten.

In der Pressemitteilung der Dresdner Stadtverwaltung heißt es entsprechend:

Die Tiger werden im Außengelände neben der ehemaligen Kaufhalle am Straßburger Platz gehalten. Die Haltung der Tiere ist nicht zu beanstanden; Größe und Ausstattung der Haltungseinrichtungen entsprechen den „Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen des BMVEL“ sowie den Anforderungen des Erlaubnisbescheides nach § 11 Tierschutzgesetz der zuständigen Erlaubnisbehörde der Landeshauptstadt Wiesbaden.

Ob es aus ethischer Sicht zu beanstanden ist, Tiger oder sonstige wilde Tiere wie beispielsweise Eisbären in Gefangenschaft zu halten, wollen wir nicht diskutieren. Sarrasani erfüllt jedenfalls offensichtlich alle „drei Voraussetzungen“ für die Haltung von Tigern, die „Bild“ bereits am zweiten Tag ihrer Kampagne zusammengetragen hatte:

"Darf sich eigentlich jeder einen Tiger halten?"

P.S.: Der Zirkus Sarrasani hat in direkter Umgebung des Tiger-Geheges ein Büro mit Kartenverkaufsstelle. Von Beschwerden seitens der Anwohner sei bei Sarrasani jedoch nichts bekannt, sagt uns eine Sprecherin auf Anfrage. Tja, die 71-jährige Dame Mieter hielten es offenbar für sinnvoller, sich an „Bild“ zu wenden.