„Bild“ schlägt Terror-Alarm beim Gipfel

Man kann sich vorstellen, dass dies ungefähr die bestmögliche Schlagzeile einer Boulevardzeitung in diesen Tagen ist:

Riesenlöcher im Unterwasser-Zaun entdeckt! Terror-Alarm beim Gipfel!

Noch dazu, wo es sich um eine Exklusiv-Geschichte handelt. Oder anscheinend: eine Ente.

„Bild“ schreibt unter Berufung auf „höchste Sicherheitskreise“ und einen „Top-Sicherheitsmann“:

Im 4,5 Kilometer langen Unterwasser-Sperrnetz, das die Staats- und Regierungschefs vor terroristischen Angriffen von See her schützen soll, wurden zwei riesige Löcher entdeckt! (…) ein mutmaßlicher Sabotageakt! (…) Außerdem war ein Straff-Seil zwischen zwei Verankerungen auf einer Länge von 15 Meter beschädigt. Sofort sicherten rd. 50 Polizeiboote das Leck in der Netzsperre. Versuche, die beiden Löcher zu reparieren, schlugen fehl.

Die Polizei dementierte in der vergangenen Nacht umfassend:

„In der Netzsperre, die den G-8-Tagungsort seeseitig sichert, sind weder größere Löcher entdeckt worden, noch war ein Spannseil auf der Länge von 15 Metern beschädigt. Ein Sicherheitsdefizit besteht nicht.“

Polizeiboote sichern das rätselhafte Loch im Sicherheitsnetz abDabei hat „Bild“ sogar so etwas wie einen Foto-Beweis (Ausriss rechts). Welche Bedeutung der rote Kreis um eines der Boote hat, bleibt allerdings mindestens so „rätselhaft“ wie das Loch selbst. In den Texten der Nachrichtenagenturen, die das Foto aus „Bild“ und viele ähnliche verbreiten, gibt es weder einen Hinweis auf die besondere Bedeutung des markierten Schiffes – noch auf irgendein Loch, das die Boote angeblich absichern.

„Bild“ spekuliert auch über einen möglichen Zusammenhang mit der Durchsuchung eines Greenpeace-Schiffes durch die Polizei:

Vorsorglich enterten Beamte der Bundespolizei von fünf Schiffen aus die auf der Ostsee kreuzende „Arctic Sunrise“.
Das sturmerprobte Schiff, ein ehemaliger Eisbrecher, gehört seit 1996 zur „Greenpeace“-Flotte. Nach BILD-Informationen machten die Beamten alle Schlauchboote an Bord – bis auf eines – unbrauchbar, stellten außerdem einen Heißluftballon sicher.

Hui, „nach ‚Bild‘-Informationen“, das klingt investigativ. Lustig, diese Formulierung in einen Absatz zu schreiben, dessen Inhalt vollständig einer Pressemitteilung entstammt, die Greenpeace gestern um kurz vor 18 Uhr herausgegeben hat:

Die Wasserschutzpolizei Rostock und die Bundespolizei haben heute das Greenpeace-Schiff „Arctic Sunrise“ auf der Ostsee außerhalb des Sperrgebietes von Heiligendamm durchsucht. Die Beamten beschlagnahmten einen Heißluftballon und machten die Schlauchboote an Bord fahruntüchtig, bis auf eines. Die Beamten waren mit fünf Schiffen (…) längsseits gegangen. (…) Die „Arctic Sunrise“, ein ehemaliger Frachter und Eisbrecher, wurde 1996 für Greenpeace umgerüstet.

Mit Dank an Mark F., Jens L., Matthias W. und Astrid G.!

Nachtrag, 8. Juni. „Bild“ schreibt heute:

Die Polizei dementierte gestern zunächst den BILD-Bericht über zwei Löcher im 4,5 Kilometer langen Seenetz vor dem Luxushotel. Später räumte sie dann ein: „Offensichtlich durch Seegang wurde das Netz durch die Wellenbewegung zusammengeschoben.“

BILD bleibt bei seiner Darstellung: Am Seenetz wurde offenbar manipuliert — es gab zwei Löcher! BILD wurde diese Version in hohen Sicherheitskreisen noch einmal ausdrücklich bestätigt!