St. Dominik von Solln

Erster Tag im Prozess des Jahres: Kachelmann trifft Ex-Geliebte vor Gericht! S-Bahn-Held Dominik Brummer: Harte Strafen für die Schläger

Es ist ein Glücksfall für die Boulevardmedien dieser Republik: Die Richter des „Brunner-Prozesses“ (benannt nach dem Opfer Dominik Brunner) haben das Staffelholz an die Richter des „Kachelmann-Prozesses“ (benannt nach dem Angeklagten Jörg Kachelmann) übergeben, die Gerichtsreporter müssen ihre Koffer gar nicht erst auspacken und beleben nach der Münchener jetzt die Mannheimer Hotelwirtschaft. Vorher gab es in München aber noch die Urteile: Neun Jahre und zehn Monate Jugendhaft wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung für den 19-jährigen Haupttäter, sieben Jahre Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie versuchter räuberischer Erpressung für seinen 18-jährigen Mittäter.

Das mit der Körperverletzung mit Todesfolge hatte Bild.de Anfangs allerdings nicht ganz verstanden und zum „Totschlag“ umdeklariert:

Totschlag! 7 Jahre Gefängnis

Überhaupt: Während andere Medien Dominik Brunner mit seiner Berufsbezeichnung („Geschäftsmann“ oder „Manager“) versehen, war er für „Bild“ und Bild.de von Anfang an der „S-Bahn-Held“, der „vier Kinder vor zwei Schlägern beschützte“. Schon wenige Tage nach dem tödlichen Vorfall am S-Bahnhof Solln forderte die Zeitung das Bundesverdienstkreuz für Brunner und rief ihre Leser auf, den Appell an den Bundeskanzler Bundespräsidenten zu unterschreiben. Horst Köhler machte eine seltene Ausnahme und verlieh Brunner posthum das Verdienstkreuz 1. Klasse, worüber „Bild“ wiederum groß berichtete.

Im Februar berichtete der „Spiegel“ erstmalig, dass Brunner „den ersten Fausthieb setzte“ — eine Meldung, die auch auch von anderen Medien interessiert aufgenommen wurde. „Bild“ versteckte eine kleine Meldung auf Seite 3 und bemühte sich sofort um eine Einordnung in den Helden-Kontext:

Jetzt geht die Staatsanwaltschaft München davon aus, dass Brunner zwar zuerst zuschlug – aber nur aus Notwehr, um dem Angriff der Jungs zuvorzukommen („SZ“).

„Bild“ und Bild.de konzentrierten sich (außer einem Hinweis darauf, dass dem „Münchner S-Bahn-Held Dominik Brunner“ ein Denkmal gesetzt werden soll) lieber auf den Prozess, der im Juli begann, und liefen gleich zu Beginn zu Höchtsleistungen auf: Die Schwestermedien eröffneten ihre Prozessberichterstattung, indem sie auf die „besondere Zurückhaltung“, die der Pressekodex bei der Berichterstattung über Ermittlungs- und Strafverfahren gegen Jugendliche fordert, verzichteten (BILDblog berichtete).

Dann ging es los: Rührselig zitierte Bild.de eine SMS, die auf Brunners Handy eingegangen sei, als dieser schon tot war („Der tote S-Bahn-Held erhielt einen Herzensgruß für seinen letzten Weg“). Aus der „Ex-Freundin“, die ihm diese Nachricht geschickt hatte, wurde dann kurze Zeit später seine „Lebensgefährtin“.

Ein 18-Jähriger, der vorab in einem eigenständigen Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter räuberischer Erpressung zu einem Jahr und sieben Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden war („Bild“: „Gericht lässt 1. Täter laufen“), wurde bei Bild.de zum „Anstifter der Schläger“, der sich aus diesem Grund kein Urteil über die Situation erlauben dürfe:

Christoph T.: „Für mich ist dieser ausschlaggebende Punkt der Schlag von Herrn Brunner“ – das sagt ausgerechnet der Anstifter der Schläger!

Dass der junge Mann beim tödlichen Angriff auf Brunner gar nicht dabei war und schon deshalb nur bedingt als Zeuge taugt, ist Bild.de immerhin aber auch noch aufgefallen:

Der Anstifter hat Dominik Brunner zwar nie gesehen – doch ohne ihn wäre der Mord am S-Bahnhof Solln am 12. September 2009 wohl nie geschehen!

Dann wiederholte der S-Bahn-Führer im Zeugenstand seine Aussage, dass Brunner den ersten Schlag gesetzt habe und die Situation erst daraufhin eskaliert sei (ein Umstand, von dem „Spiegel Online“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen irritierenderweise annahm, er sei „erst jetzt, zu Prozessbeginn, der Öffentlichkeit mitgeteilt“ worden). Zusammen mit dem Obduktions-Ergebnis, nach dem Dominik Brunner einen vergrößerten Herzmuskel hatte und letztlich an Herzversagen gestorben sei, ergab sich plötzlich ein etwas anderes Bild und viele Medien fragten sich selbstkritisch, ob sie nicht voreilig über die Situation am S-Bahnhof Solln geurteilt hätten. Viele, aber natürlich nicht alle.

„Bild“ fand diese neuen Töne „unglaublich!“, und reagierte erschüttert auf die Medienberichte:

ZUM HELDEN HOCHSTILISIERT? ANGEBLICH TOTGETRETEN? PRÜGELNDER KAMPFSPORTFREUND?

Die Wahrheit ist: Nichts ist anders seit dem Wochenende! Nur, dass dem Opfer nun sogar im Grab die Ehre genommen werden soll.

Wohl weil die Verklärung Brunners andernorts ins Stocken geraten war, packte Tanit Koch noch eine Schüppe Poesie drauf:

Er hat diesen Bürgersinn nicht etwa mit seinem Leben bezahlt – es wurde ihm geraubt. (…)

Dominik Brunner starb nicht, weil er ein vergrößertes Herz hatte.

Der S-Bahn-Held starb, so erkennt die „Süddeutsche Zeitung“ zu Recht an, weil er ein „großes Herz“ hatte.

Franz Josef Wagner schließlich wusste es sowieso wieder besser als alle anderen und schrieb dem „lieben Held Dominik Brunner“ ins Jenseits, „gegen Ihr Herzflimmern mussten Sie Mittel nehmen“. Gegen einen Herzfehler, von dem Brunner selbst Zeit seines Lebens nichts geahnt hatte.

Die Linie blieb also klar und das, was in anderen Medien „Präventivschlag“ hieß, wurde bei Bild.de zum „Abwehrschlag“ umdeklariert und taucht in der „Chronologie der tödlichen S-Bahn-Attacke“, wie sie heute noch online steht, gar nicht auf:

Der Mann steigt mit den Jugendlichen aus, die beiden Angreifer folgen ihnen. Plötzlich greifen sie den Mann an, er fällt zu Boden, sie treten weiter auf ihn ein.

Die Aussage des S-Bahn-Führers über Brunners Erstschlag ließ „Bild“ erst mal unter den Tisch fallen und schrieb erst darüber, als ein „Lügenforscher“ die Aussage „relativiert“ hatte — gegenüber der Münchener Boulevardzeitung „tz“, wohlgemerkt, nicht gegenüber dem Gericht.

Der Beschreibung Brunners als „sozial besonders engagiert“ setzte „Bild“ die „kaputte Kindheit“ und das „verpfuschte Leben des zweiten Brunner-Totschlägers“ entgegen, dem die Zeitung nicht mal seine vor Gericht gezeigte Reue abnahm:

Sebastian L. behauptete: „Es tut mir auf jeden Fall wahnsinnig leid, es hätte nicht passieren müssen. Wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen.“

Selbst Details der Gewalt, die eigentlich für sich sprechen, hat „Bild“ noch zugespitzt: Wenn der Angeklagte Markus S. „einen Schlüsselbund aus der Tasche und als Waffe zwischen die Finger“ nimmt, ist das nicht nur „schlimm“ oder „brutal“ oder wie immer man das nennen würde, für die Schlagzeilenmacher bei „Bild“ ist es „Der Schlüssel-Trick des S-Bahn-Schlägers“.

Über die erste Aussage dieses Angeklagten wusste Bild.de zu berichten:

Kein Mitleid, keine Reue, keine Tränen. Nein! Seine ersten Worte in dieser Verhandlung sind der blanke Hohn: „Ich habe einen Hass auf die Polizei.“ Ungläubiges Kopfschütteln im Gerichtssaal.

(In der Bildunterschrift und der URL übrigens: „Ich hasse die Bullen.“)

Harte Worte, die aber trotzdem niemanden außer den „Bild-Reporter erschüttert zu haben scheinen: Für das Zitat findet sich keine einzige andere Quelle.

Auch mit einem anderen Detail stand „Bild“ etwas alleine da:

Der damals 18-jährige Markus S. habe zweimal gerufen: „Ich bring‘ dich um! Ich bring dich um!“, während er auf Brunner eingetreten und geschlagen habe, sagte die 16-jährige Schülerin, die das Ganze vom Bahnsteig gegenüber verfolgt hatte, vor dem Landgericht München aus.

… oder auch nicht, wie sueddeutsche.de berichtete:

Bei der Polizei hatte Vera B. drei Tage nach der Tat ausgesagt, dass einer der Täter zu Dominik Brunner gerufen hätte: „Ich bringe dich um!“ Nun kann sie dies aber nicht mehr ganz sicher bestätigen.

Es sind letztlich eher Kleinigkeiten, die „Bild“ anders wiedergibt als die meisten anderen Medien. Die Brutalität, mit der die Schläger vorgingen, zeigt sich auch daran, dass das Gericht mit seinen Urteilen nur knapp unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft blieb. Aber es sind viele Kleinigkeiten, mit denen „Bild“ das Gesamtbild verzerrt — immer darauf bedacht, das früh gezeichnete Bild vom „S-Bahn-Helden“ nicht zu beschädigen.

Über den „Kachelmann-Prozess“ wird in „Bild“ übrigens die Journalistin Alice Schwarzer berichten — weil sie eine „voreingenommene Berichterstattung“ der „anderen Leitmedien“ befürchtet.

Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber in den letzten Monaten.