Wie „Bild“ eine Vorverurteilung wieder gutmacht

Dass eine Überschrift „Das ist der Rotkohl-Killer. Er hat das Baby seiner Freundin zu Tode gefüttert“ über dem unverfremdeten Foto eines nicht verurteilten Menschen eine unzulässige Vorverurteilung darstellt, findet sogar der Presserat. Er hat auf unseren Antrag hin daher eine „Missbilligung“ ausgesprochen. Im Nachhinein hatte sich sogar der ganze Tathergang, den „Bild“ am 14. Januar 2006 minutiös als Tatsache beschrieben hatte, als falsch herausgestellt.

Interessanter als der Beschluss des Beschwerdeausschusses (eine Missbilligung ist zwar Ausdruck eines „schwerwiegenden“ Verstoßes gegen den Pressekodex, aber für die betroffene Zeitung folgenlos*) ist die Argumentation der Rechtsabteilung der Axel Springer AG in dieser Sache. Sie erklärte, das Verfahren sei „wegen Wiedergutmachung … für beendet zu erklären“. Die „Wiedergutmachung“ habe darin bestanden, dass „Bild“ am 3. November 2006 einen Artikel veröffentlichte, in dem es hieß:

„Das Kind starb wegen eines ausgesetzten Schluckreflexes aufgrund des Schüttelns — nicht wie BILD im Januar berichtet hatte, weil Markus V. es mit Rotkohl gefüttert hatte. BILD hatte Markus V. damit zu einem Zeitpunkt zum Täter gemacht, als das Gericht seine Schuld noch nicht festgestellt hatte.“

Das sind für „Bild“ ungewöhnliche Formulierungen. Und anzunehmen, dass diese Offenheit etwas mit dem zu diesem Zeitpunkt bereits laufenden Presserats-Verfahren zu tun hat, ist natürlich reine Spekulation.

Tatsächlich scheint die vermeintliche „Wiedergutmachung“ in einigen „Bild“-Ausgaben erschienen zu sein (z.B. in Hamburg). In der Regionalausgabe Berlin-Brandenburg aber haben wir sie weder am 3. noch am 4. November 2006 gefunden — obwohl auch hier zehn Monate zuvor der falsche und vorverurteilende, fast halbseitige Artikel veröffentlicht wurde. Auf unsere Frage, ob die „Wiedergutmachung“ in Berlin-Brandenburg nicht erschienen sei, teilte uns „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich mit, da könne er uns „leider nicht weiterhelfen“.

Wie auch immer: Der Presserat sah in diesem „Versuch einer Korrekturmeldung“ keine „Wiedergutmachung“.

*) Es besteht nach der Beschwerdeordnung des Presserates „zwar keine Pflicht, Missbilligungen in den betroffenen Publikationsorganen abzudrucken. Als Ausdruck fairer Berichterstattung empfiehlt der Beschwerdeausschuss jedoch eine solche redaktionelle Entscheidung“. Die „Bild“-Zeitung verzichtet in der Regel auf diesen Ausdruck fairer Berichterstattung.