Diktatoren zum An- und Abschalten

Es sind einige steile Thesen und „überraschend anders“ zu nennende Gedankengänge, die der Philosoph und Kulturwissenschaftler Bazon Brock da vergangene Woche im Interview mit FAZ.net ausplauderte:

Vor fünf Jahren wurden Sie für Ihren Vergleich von Internet und GULAG gescholten. Fühlen Sie sich von den Entwicklungen seitdem, etwa durch die sozialen Netzwerke, bestätigt?

Als wir das vor Jahren sagten, haben die Leute uns für verrückt erklärt. Wir waren vor Jahren viel weiter und haben gesagt, dass das, was die Lager der totalitär-faschistischen Regime, des stalinistischen oder des Hitler-Regimes waren, jetzt, als Weltlager, das Netz geworden ist. Und es ist extrem gefährlich geworden, dort überhaupt in die Akten zu kommen, auffindbar zu sein. Wir wissen, wie delikat der Datenmissbrauch ist, wie hoch die Erpressungsmöglichkeiten liegen, nicht nur von Kriminellen, sondern auch von den eigenen Regierungen und den eigenen Institutionen.

Wie gesagt: Steile Thesen und überraschend andere Gedankengänge, mit denen es Brock spontan ins Hitler-Blog unseres Kollegen Daniel Erk schaffte.

Wer das Interview am Donnerstag las, stieß allerdings auf eine Hitler- und Stalinfreie Fassung, wie Mario Sixtus erstaunt in seinem Blog feststellte:

Wir waren vor Jahren viel weiter und haben gesagt, dass das, was die Lager der totalitär-faschistischen Regime, jetzt, als Weltlager, das Netz geworden ist.

Sixtus‘ Eintrag trat einige Diskussionen los, die wiederum dazu führten, dass die FAZ.net-Redaktion am Freitag die Ursprungsfassung wiederherstellte und den Artikel mit folgendem Hinweis versah:

Aufgrund vielfältiger Proteste gegen einen Nebensatz in diesem Interview (fünfte Frage, zweiter Satz: „des stralinistischen … waren“) haben wir die nicht-argumentationsrelevante Passage am 4. Mai entfernt und dabei den Fehler gemacht, dies nicht zu kennzeichnen. Der Blog von Mario Sixtus hat den Fehler aufgegriffen und damit eine Diskussion über die Notwendigkeit des Eingriffs ausgelöst, in der uns die Argumente dagegen überzeugt haben. Wir veröffentlichen das Interview daher wieder in der ursprünglichen Form. (7. Mai, 13.40 Uhr)

Wir wollten am Freitagnachmittag von FAZ.net wissen, warum überhaupt die „nicht-argumentationsrelevante Passage“ noch nach der Veröffentlichung des Interviews entfernt worden sei, haben aber bisher keine Antwort erhalten.