Kai Diekmanns beredte Sprachlosigkeit

„Bild“ ist ein vielseitiges Ding. Die Zeitung will nach eigenen Angaben täglich „Nachrichten, Hintergründe und Unterhaltung aus allen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens“ auf den Punkt bringen, Missstände aufdecken und publik machen. Aber „Bild“ will auch helfen. Deshalb gibt es seit 1978 die Stiftung „EIN HERZ FÜR KINDER“ im Verein „BILD hilft“ e.V., die sich bis heute ausdrücklich als „Hilfsorganisation der BILD-Zeitung“ versteht. Und es vergeht kaum ein Monat, in dem „Bild“ nicht auch selbst die Erfolge der eigenen, weltweit operierenden Hilfsorganisation feiert.

Eine andere weltweit operierende Hilfsorganisation ist HELP. Der ebenfalls gemeinnützige Verein, gegründet von Politikern, Wissenschaftlern und Kirche, ruft seit 1981 unter dem Motto „Deutsche helfen Afghanistan“ zu Spenden auf. Heute steht HELP unter der Schirmherrschaft von Gesine Schwan, Bundestagsabgeordnete unterschiedlichster Parteien sitzen im HELP-Vorstand, das Auswärtige Amt, und das Wirtschaftsministerium gehören ebenso zu den HELP-Partnern wie die EU-Kommission für humanitäre Hilfe, die Stadt Bonn, Unicef und andere.

So. Und nachdem die „Bild“-Zeitung kürzlich mehrere Tage lang für Diskussionen sorgte, weil sie unschöne Fotos von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gezeigt hatte, hatte HELP eine Idee — und schrieb der „Bild“-Zeitung einen Brief.

Der Brief [pdf], geschrieben vom HELP-Geschäftsführer Wolfgang Nierwetberg an „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, ist in seiner Argumentation vielleicht etwas unbeholfen, das Anliegen gewagt: Nierwetberg schlägt vor, „eine Spendenkampagne zugunsten der in Afghanistan tätigen deutschen Hilfsorganisation zu starten, etwa unter dem Arbeitsmotto ‚Wir können auch anders — Deutschland hilft Afghanistan‘„.

Der Tonfall des HELP-Schreibens ist besorgt. So heißt es darin beispielsweise:

„Die Fotos und die daraus resultierende Berichterstattung zerstören nicht nur die bisher gute Reputation Deutschlands in Afghanistan, sondern werden wohl auch zu erheblichen Problemen für die Arbeit der deutschen humanitären Hilfsorganisationen in Afghanistan führen. (…)“

Und weil HELP befürchtet, dass sich „fundamentalistische Gruppen in Afghanistan und der islamischen Welt (…) in der nächsten Zeit vermehrt gegen deutsche Ziele richten werden“, appellierte die Organisation auch an ihren potentiellen Medienpartner:

„Die BILD als größtes deutsches Blatt, die durch die Veröffentlichung der Fotos nun auch in der islamischen Welt Aufmerksamkeit genießt, zeigt öffentlich und stellvertretend für Deutschland: Wir können auch anders.“

Das aber war offensichtlich ein Irrtum, wie Diekmanns Antwort [pdf] zeigt: Statt zu freundlichen Worten oder einer unverbindlichen Absage entschied sich der „Bild“-Chef für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem HELP-Schreiben, die überraschend polemisch ausfällt.

So antwortet Diekmann auf den „Wir können auch anders“-Vorschlag:

„Ich will gar nicht anders! Ich will Mißstände aufdecken und publik machen — denn das ist die Aufgabe von Medien (…) auch ohne Rücksicht auf das etwaige Vertrauen irgendwelcher islamischen Völkerschaften. Deutschland liegt mir am Herzen, wie auch das gesetzeskonforme Funktionieren seiner Institutionen. (…) Und es ist nicht unser Job, (…) irgendwelchen Hilfsorganisationen ihre Arbeit zu erleichtern. (…) Sie werden hoffentlich nicht von der deutschen Presse verlangen, daß sie Nachrichten unterdrückt und Fehlentwicklungen innerhalb staatlicher Institutionen deckt, nur damit Ihre Mitarbeiter ihrer freiwilligen humanitären Selbstverwirklichung möglichst ungestört nachgehen können. (…)“

Diekmanns Antwort an den HELP-Chef beginnt mit den Worten:

"manche Briefe machen mich sprachlos. Ihrer ist so einer."

Schade nur, dass sich die Sprachlosigkeit des „Bild“-Chefs in Formulierungen wie „irgendwelche islamischen Völkerschaften“, „irgendwelche Hilfsorganisationen“ oder gar „freiwillige humanitäre Selbstverwirklichung“ manifestiert.

Mit Dank an Farlion für den Hinweis.