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Gestern war in der Hamburger „Bild“-Ausgabe ein Artikel über eine Auseinandersetzung in der S-Bahn. Drüber stand:

„Wenn du in Hamburg nur helfen willst dann wirst du brutal niedergeprügelt und liegst plötzlich hirntot im UKE“.

Kurz die Fakten: Am frühen Morgen des 22. Oktober kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen einem Jugendlichen und einem 52-Jährigen Mann. Der 52-Jährige starb einen Tag später im Krankenhaus. In der Pressemitteilung der Polizei vom 23. Oktober hieß es:

Eine Gruppe von Jugendlichen (…) belästigte fortwährend andere Fahrgäste. Der 52-Jährige forderte die Jugendlichen auf, die Provokationen zu unterlassen und drohte ihnen Schläge an. Daraufhin versetzte ihm einer der Jugendlichen einen Faustschlag und verletzte den Mann am Kopf.

Aber zurück zu „Bild“: Im Text war die Rede von einer „Horde von dumpfen Typen, denen ein Menschenleben nichts wert ist“, von „menschenverachtender Brutalität“, von explodierender Gewalt, von einer „Gewalt-Orgie“.

Die gestrige „Bild“-Version ist also total übertrieben wesentlich detailreicher, stimmt im Kern aber mit der Pressemitteilung der Polizei überein.

"Er wollte eine Frau vor Schlägern schützen: Jetzt ist er tot!" Das gilt auch für einen Text, der offenbar aus der heutigen „Bild“-Hamburg stammt und der auch auf Bild.de veröffentlicht wurde. Dieser Text wird spätestens seit heute morgen auf der „News“-Seite von Bild.de groß angeteasert (siehe Ausriss).

Spätestens seit heute morgen gibt es aber auch erhebliche Zweifel daran, dass die erste Version der Polizei oder die ausgeschmückte Version von „Bild“ stimmen. Das, wie „Bild“ bei Axel Springer erscheinende, „Hamburger Abendblatt“ schreibt in seiner heutigen Ausgabe:

Nach Informationen des Abendblattes geht die Mordkommission jetzt davon aus, dass Wolfgang L. (52) mit dem Streit begonnen hatte. Er soll auch als Erster gewalttätig geworden sein.

Um 5.00 Uhr gab die Nachrichtenagentur dpa eine entsprechende Meldung heraus, und um 10.46 Uhr gab die Polizei eine Pressemitteilung heraus, die die Meldung des „Abendblatts“ im Wesentlichen bestätigt. Und seither haben diverse Medien, die zuvor schon über den Fall berichtet hatten, über die Zweifel an dem bisher angenommenen Tathergang berichtet.

Bei Bild.de indes findet sich noch immer kein Hinweis darauf. Der irreführende Text wird nach wie vor von dem irreführenden Teaser auf der „News“-Seite angekündigt.

P.S.: Es mag ja sein, dass man bei Axel Springer der Auffassung ist, es sei nicht Aufgabe der multimedialen Erweiterung von „Bild“, falsche oder überholte Artikel, die ursprünglich aus „Bild“ stammen, zu korrigieren, zu aktualisieren oder zu ergänzen. Dennoch wäre es vielleicht langsam an der Zeit, den irreführenden Teaser mal von der „News“-Seite zu entfernen. Auch deswegen, weil der „Bild“-Text den Eindruck erweckt, der Faustschlag habe mehr oder weniger direkt zum Tod geführt. Die Polizei gab heute aber bekannt:

An einem direkten Zusammenhang zwischen dem Faustschlag und den später bei dem Opfer festgestellten und zu seinem Tode führenden Hirnblutungen bestehen nach den bisherigen Untersuchungen Zweifel.

Mit Dank an Christian H. und Ulrich W. für den sachdienlichen Hinweis.