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Wie „Bild“ den Kopf aus der Schlinge zieht

Was ist Kai Wessel für ein Mensch? — Wir wissen es nicht.

Wir wissen nur: Kai Wessel schreibt in „Bild“. Geschichten aus Ostwestfalen. Viel passiert dort nicht. Aber wenn, dann tragen Wessels „Bild“-Geschichten Überschriften wie diese:

„Hund beim Gassigehen hingerichtet!“
„Celina (6) auf Spielplatz von Jagdterrier zerfleischt“
„Arzt-Pfusch bei Deck-Pudel“
„Amokläufer erschoss Cousin und Freund“

Und vor einer Woche schrieb Kai Wessel unter der Überschrift „Tatort Schule – Sie wollten meinen Jungen in der Turnhalle aufhängen“:

„Hilflos baumelte der kleine Junge (6) über dem Boden. Immer tiefer grub sich die Schlinge in seinen Hals. Röchelnd schnappt er nach Luft.

Aufgeknüpft im Kinderhort!

Schauplatz der ‚Hinrichtung‘ war (…) ein Detmolder Kinder- und Jugendhaus (…).“

Anschließend rekonstruierte Wessel die „Chronologie einer unfassbar brutalen Tat“:

„Eine Gruppe Jugendlicher (11–14) fiel im Toberaum der Tagesstätte über den kleinen S.* her. Ihr Anführer schnappte sich ein kräftiges Seil, band es ihm um den Hals. Dann ließ er S. daran herunter baumeln — wie am Galgen.“
*) Abkürzung des Namens von uns.

Soweit Kai Wessel in „Bild“. Es klingt, als wäre er dabeigewesen. War er aber nicht. Doch wie zum Beweis zitierte Wessel die örtliche Polizei: „Wir ermitteln wegen Körperverletzung (…).“

Einen Tag später berichtete dann die „Lippische Landes-Zeitung“ und fasste zunächst Kai Wessels „Bild“-Bericht zusammen:

„Schlagzeile und Text beschrieben in interpretationsfreien Worten ein Lynchszenario.“

Aber nicht nur das. Die „Lippische“ schreibt auch:

„Dieses Szenario allerdings soll es laut Polizei nie gegeben haben (…): ‚Es ist richtig, dass die Mutter des Kindes (…) Anzeige erstattet hat und wir daraufhin die Ermittlungen
aufgenommen haben (…). Von Aufhängen wie in einem Western war dabei aber überhaupt nicht die Rede. (…) Offenbar gab es keine jugendliche Tätergruppe, und es wurde auch niemand mit einer Schlinge brutal aufgeknüpft.‘

Stattdessen sei, so die „Lippische“ (unter Berufung auf Polizei und Kinderhort), die Halsverletzung des Jungen womöglich „durch einen Unfall beim Spielen verursacht“ worden, wobei sich der Sechsjährige am Seil einer Hängematte verletzt haben könnte. Er habe jedoch „nach dem Vorfall an anderer Stelle im Haus sogar noch weitergespielt“.

Gut, hier könnte die Geschichte zu Ende sein. („Bild“ berichtet, die Polizei dementiert, man kennt das.) Ist sie aber nicht — nicht für das Detmolder Kinder- und Jugendhaus, das wegen Kai Wessels „Bild“-Bericht um seinen Ruf fürchtet, und nicht für uns, denn:

Nach der Veröffentlichung der „Lippischen Landeszeitung“ entschloss sich „Bild“ zu einer, ähm… Korrektur?


„(…) Jetzt kam raus: Der Täter ist erst acht Jahre alt. Nach Darstellung einer Mitarbeiterin kam es zwischen den Jungs zu einem Streit.“

Abgesehen davon bleibt „Bild“ anscheinend bei ihrer Darstellung.

Und wer ist der Autor dieser Unverfrorenheit? — Wir wissen es nicht.

Mit Dank an Stefan D., Jürgen T und die Detmolder Polizei, die uns bestätigt, die Darstellung der „Lippischen Landes-Zeitung“ treffe „den Nagel auf den Kopf“.