Transfehlleistungen

Zugegeben, er klingt etwas kompliziert, der Satz, mit dem Klaus-Jürgen Duschek vom Statistischen Bundesamt uns gegenüber ein Teilergebnis des Mikrozensus 2005 erklärt:

„Rund 41 Prozent der Haushalte in Deutschland geben an, dass sie einen Haupteinkommensbezieher haben, der überwiegend von Transferleistungen* lebt.“

*) Arbeitslosengeld I und II, Renten/Pensionen, Sozialhilfe, Pflegeversicherung, Sozialgeld, Grundsicherung, sonstige Unterstützung (z.B. BAföG)

Bei „Bild“ wird heute aus demselben Sachverhalt diese Seite-1-Schlagzeile:

"41 % der Deutschen leben vom Staat"

Klingt ähnlich, ist aber falsch. Die Daten des Statistischen Bundesamtes, auf die „Bild“ sich bezieht, erfassen nämlich Ausländer wie Deutsche gleichermaßen (das hat übrigens auch „Deutschlands klügster Manager“ und „Bild“-Kommentator Hans-Olaf Henkel nicht verstanden). Außerdem geht es in der Statistik gar nicht um Einzelpersonen, sondern um „Haushalte“ (s.o.). Das weiß (anders als Henkel) auch „Bild“:

Schon 41,5 % aller Haushalte beziehen ihr Einkommen aus öffentlichen Unterstützungsleistungen wie Hartz IV, Sozialhilfe oder Rente. Das geht aus Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hervor.
(Hervorhebung von uns.)

Leider stimmt aber auch das nicht — jedenfalls insofern nicht, als „Bild“ den Eindruck erweckt, diese 41,5 Prozent würden ausschließlich dem Staat auf der Tasche liegen. Denn es geht in der Statistik ja um den „überwiegenden“ Lebensunterhalt der „Haupteinkommensbezieher“ dieser Haushalte (s.o.).

Zum Vergleich hat das Statistische Bundesamt heute nochmal die Daten auf Einzelpersonen bezogen aufgeschlüsselt. Da ergibt sich ein anderes Bild. Von den rund 82,7 Millionen Menschen in Deutschland leben nämlich bloß 29,2 Prozent „vom Staat“ (und 40,9 Prozent bestreiten ihren Lebensunterhalt durch eigene Erwerbstätigkeit).

Und noch was. Der „Bild“-Text beginnt wie folgt:

Immer weniger Deutsche leben von selbst verdientem Lohn!

Weiter heißt es, dass „nur 55,4 % der 39 Millionen Haushalte von eigenem Einkommen“ leben.

Dabei ergab eine Umfrage des Statistischen Bundesamts im April 1996, dass damals 55 Prozent der Haushalte einen Haupteinkommensbezieher hatten, dessen überwiegender Lebensunterhalt aus Erwerbstätigkeit stammte. Die aktuellen 55,4 Prozent sind daher nicht „immer weniger“, sondern doch eher mehr.

P.S.: Das „manager-magazin“ machte heute übrigens in seiner Online-Ausgabe eine Meldung aus der „Bild“-Geschichte, präsentiert aber zum Glück inzwischen (unter der Überschrift „Heute leben weniger Deutsche auf Staatskosten als vor zehn Jahren“) auch „die Auflösung für den Statistik-Aufreger“ und erklärt, warum die „Bild“-Schlagzeile „zudem grob verkürzt“ sei.

Mit Dank an Jason M. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 22.05 Uhr: „Die Auflösung für den Statistik-Aufreger“ bei manager-magazin.de wurde noch einmal überarbeitet. Die Überschrift lautet jetzt treffend „Heute leben kaum mehr auf Staatskosten als vor zehn Jahren“, und andere Ungenauigkeiten im Text wurden korrigiert.