Seid patriotisch oder schweigt!

Vielleicht ist „Bild“ die berechenbarste Zeitung der Welt.

Der WDR-Fußballreporter Manfred Breuckmann kritisiert, dass jeder, der in diesen Tagen irgendetwas an der Fußball-WM kritisiert, sofort von der „Bild“-Zeitung „in die Pfanne gehauen wird“. Die „Bild“-Zeitung haut ihn daraufhin sofort in die Pfanne. Also, konkret: Entledigt seine Zitate ihres Zusammenhangs, unterstellt ihm ein „böses Foul“ und macht ihn zum Verlierer des Tages:

Der WDR-Mann macht unsere schöne WM mies. 1. Die Stimmung in den Stadien sei nicht immer euphorisch. 2. Das Programm mit 32 Mannschaften sei zu aufgebläht. 3. Patriotischer Habitus komme für ihn nicht in Frage. BILD meint: Dann bleib doch zu Hause, Manni!

Nun ja: Breuckmann hatte in dem „taz“-Interview, auf das sich „Bild“ bezieht, „diese phantastische Stimmung in den Stadien“ gelobt, aber beim Eröffnungsspiel sei es „relativ ruhig auf den Rängen“ gewesen — der Reporter führt das auch darauf zurück, dass zu wenige Tickets frei verkauft wurden. Und über das, was „Bild“ den „patriotischen Habitus“ nennt, hatte Breuckmann gesagt:

Ich glaube auch, dass man eine Fußballmannschaft unterstützen kann, ohne die Hand aufs Herz zu legen. Das ist nicht meine Welt. Solange aber kein aggressiver Nationalismus draus wird, ist die Sache in Ordnung. (…)

Patriotismus wird damit verbandelt, dass man alles kritiklos hinnehmen muss. Wer keine positive Einstellung hat, wird ausgegrenzt.

Was „Bild“ also prompt tat. Die Erklärung zum „Verlierer des Tages“ nimmt Breuckmann nun als „Adelung“: „Ich fühle mich geehrt.“

Durch die Ausgrenzung aller, die sich nicht in den schwarz-rot-goldenen Taumel einreihen wollen, verliere die patriotische Stimmung etwas von ihrem „unaggressiven Charakter“, hatte Breuckmann gesagt. Das lässt sich ganz gut an der „Bild“-Zeitung ablesen.

Am Tag vor der WM-Eröffnung jubelte „Bild“-Kommentator Norbert Körzdörfer:

„Die Sonne geht auf. Die Schatten sind weg. (…)
Ja zu Deutschland-Fahnen am Auto!
Ja zu deutschem Bier!
Ja zur deutschen Hymne! (…)
Ja zur deutschen Frau, die lächelnd zuschaut!

Danach wurde deutlich, dass das weniger Tatsachen-Beschreibungen als Forderungen waren. „Bild“ verlangte fast täglich das Mitsingen der Nationalhymne. Michael Ballack wurde gerüffelt, weil er in seiner Freizeit ein Italien-Shirt trug („Bild“: „Was soll das?“). Wegen vermeintlicher Patriotismus-Defizite und Miesmacherei rügte „Bild“ außerdem u.a.: die Lehrer-Gewerkschaft GEW, die die zwiespältige Geschichte des Deutschlandliedes thematisieren wollte („Bild“: „selbsternannte Volkserzieher wollen uns die WM-Laune verderben“), die Politiker Hans-Christian Ströbele und Heiner Geißler, die das Fahnengeschwenke nicht so gut fanden, sowie den Kabarettist Dieter Hildebrandt, der dagegen war, vor Fußballspielen Hymnen zu singen („Bild“: „notorische Miesmacher … immer was zu meckern … griesgrämiges Deutschlandbild“).

Am 13. Juni warnte „Bild“-Kommentator Oliver Santen:

Wir brauchen diesen Optimismus. (…)

Die immer schlecht gelaunten Miesmacher brauchen wir nicht.

Und offenbar brauchen „wir“ eine Patriotismus-Polizei, die alle, die sich nicht einreihen, an den schwarz-rot-goldenen Pranger stellt.