Bild, ZDF  

Der Zorn einer Mutter

Vergangene Woche ist in Brandenburg der 14-jährige Gymnasiast Jacob K. ums Leben gekommen, als er sich versehentlich mit einem Strick strangulierte. Weil der Junge einer Internet-Anleitung zu einem sogenannten „Würgespiel“ gefolgt war, bei dem es darum geht, durch Reduktion der Luftzufuhr in einen Rauschzustand zu kommen, hat sich seine Familie entschlossen, mit den Hintergründen des Unglücksfalls an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie will damit auf die Gefahren dieses vermeintlichen Spiels aufmerksam machen, dem in Frankreich allein in diesem Jahr 13 Schüler zum Opfer gefallen sein sollen.

Unter dem Artikel, den der Berliner „Tagesspiegel“ dem Thema gewidmet hat, hat am Donnerstag jemand kommentiert, bei dem es sich offenbar um die Mutter des Verstorbenen handelt. Sie dankt für das Mitgefühl, aber ihr liegt noch etwas anderes am Herzen:

Und ich möchte diese Stelle auch nutzen, um über das widerliche Verhalten eines Bildreporters zu berichten: Er betrat unser Grundstück, klingelte an der Tür und fragte frech nach einem Foto von Jacob, wie denn mein Vorname sei und wo ich arbeite – ich bat ihn um Respekt, habe ihm erklärt, dass Jacob das nicht wolle – im Nachhinhein erfuhr ich, dass er wohl auch bei den Nachbarn geklingelt hatte. Er ging mit den Worten: er ist vielleicht der Erste aber garantiert nicht der Letzte!

1 Stunde später standen 2 Männer vom ZDF vorm Grundstück, auch hier baten wir höflich, uns nicht zu filmen, haben ihnen das erklärt, auch hier um Respekt gebeten, auch zum Schutz für Jacobs kleine Schwester – sie haben sich hingestellt und uns trotzdem gefilmt.

Wir mussten also einen Rechtsanwalt einschalten, diese Bildveröffentlichungen zu verhindern.

Nun weiß man weder mit letzter Sicherheit, ob der Kommentar tatsächlich von Jacobs Mutter stammt, noch, ob die Schilderungen über den „Bild“-Reporter Mann, der sich als „Bild“-Reporter ausgegeben hat, zutreffend sind.

Andererseits wären wir, nach allem, was wir über die Recherchemethoden von „Bild“ wissen, auch nicht sonderlich überrascht, wenn sich das Geschilderte genau so zugetragen haben sollte.

Der „Bild“-Artikel über die Trauerfeier kommt dann interessanterweise ganz ohne Fotos des Verstorbenen aus. Dafür offenbart sich die ganze Merkwürdigkeit von „Bild“ darin, dass die sonst so Anonymisierungs-scheue Zeitung den Vornamen des Jungen geändert hat — also den Namen nicht nennt, den die Familie selbst an die Öffentlichkeit gegeben hatte.

Wir haben das ZDF, bei dem wir auch nur mäßig überrascht wären, wenn sich die Vorwürfe als zutreffend erweisen sollten, um eine Stellungnahme gebeten.

Die Pressestelle des Senders erklärt, dass „ein erhebliches öffentliches Interesse an dem Fall“ bestanden habe und neben dem Team der vom ZDF beauftragten Firma „Reportnet24“ auch noch „zahlreiche andere Journalisten zugegen“ gewesen seien. Das Kamerateam habe aber „ausschließlich auf der öffentlich zugänglichen Straße“ gefilmt und dabei „Aufnahmen von den Blumen und Kerzen vor dem Haus sowie einige Einstellungen der Straße“ angefertigt.

Eine Interviewanfrage lehnten die Eltern ab. Diese Ablehnung hat das Filmteam selbstverständlich berücksichtigt.

Indirekt bestätigt das Zweite Deutsche Fernsehen allerdings, dass die Eltern ihre Anwälte eingeschaltet haben:

Zu keinem Zeitpunkt waren identifizierende Filmaufnahmen der Eltern oder des Wohnhauses zur Ausstrahlung vorgesehen. Das hat das ZDF dem Anwalt der Eltern von Jacob K. daher auch am Mittwoch in vollem Umfang zugesichert.

Mit Dank an Dieter.