Die tausend Tode der Prinzessin Diana

Boah:

"Diana wurde mit Lichtkanonen getötet!"

Fast neun Jahre nach dem dem Tod von Prinzessin Diana soll es neues Beweismaterial und neue Zeugen geben. Eine entsprechende, allerdings sehr vage Äußerung des Chefermittlers sorgte diese Woche für große Aufregung.

Und wer weiß schon mehr? Wer hat einen der „neuen Zeugen“ schon gefunden, mit ihm gesprochen und von den „Lichtkanonen“ erfahren?

Die „Bild am Sonntag“:

BamS fand jedoch einen der neuen Zeugen: Es ist Richard Tomlinson (43)...

Der Londoner „Bild“-Korrespondent Peter Michalski schreibt, Prinzessin Diana sei nach Aussage des ehemaligen britischen Neuer Zeuge beschuldigt britischen GeheimdienstGeheimdienstagenten Richard Tomlinson Opfer eines Anschlags geworden. Er sei nach dem Vorbild eines Attentatsplanes ausgeführt worden, „nach dem 1992 der damalige jugoslawische Staatschef Slobodan Milosevic in Belgrad umgebracht werden sollte“. Dianas Fahrer Henri Paul sei „mit einer starken Stroboskop-Lichtblitzkanone geblendet“ worden.

Na, das sind Neuigkeiten.

Jedenfalls für eine Zeitung, die „nicht zu jedem Experten auf der Welt ein Dossier“ hat und die Benutzung von Archiven und Suchmaschinen scheut.

Die Vermutung, es handele sich bei Tomlinson um einen „neuen Zeugen“, hätte „Bild“ schon durch einen Blick ins eigene Archiv abhaken können: „Bild am Sonntag“ berichtete (ähnlich wie andere Medien) bereits am 30. August 1998, dass Tomlinson Verbindungen zwischen Dianas Unfall und dem Geheimdienst MI6 hergestellt habe und zwei Stunden lang vom französischen Untersuchungsrichter Herve Stephan verhört worden sei. Am Tag darauf wiederholte „Bild“ das in einem eigenen Artikel.

Am 4. September 1999 berichtete „Bild“ über die „geheimen Gerichtsakten“ über Dianas Tod: Tomlinson habe sich den Pariser Behörden als Zeuge angeboten. Sie hätten jedoch abgelehnt, weil sie ihn als „wenig glaubwürdig“ einstuften.

Am 30. August 2002 berichtete „Bild“ in einer Serie mit dem Titel „Geheimakte Diana — Die letzten 24 Stunden der Prinzessin“ erneut über Tomlinson und seine Theorien. Und am 3. Dezember 2004 versuchte „Bild“ wieder, Tomlinsons Thesen als Neuigkeit darzustellen. Unter der Überschrift „Fuhr ein Geheimagent Prinzessin Di in den Tod?“ schrieb „Bild“:

Richard Tomlinson arbeitete von 1991 bis 1996 als Agent. Er behauptet, daß Paul angewiesen wurde, mit Vollgas durch den Tunnel zu fahren. Dort wurde er mit einem Blitzlicht geblendet und verlor so die Kontrolle über den Wagen.

Diese These und die Verbindung zu einem angeblichen Plan, Slobodan Milosevic zu ermorden, gab Thomlinson nach eigenen Worten schon am 12. Mai 1999 als Zeugenaussage zu Protokoll. Sie ist seit fast sieben Jahren im Internet nachzulesen:

This third scenario suggested that Milosevic could be assassinated by causing his personal limousine to crash. (…) One way to cause the crash might be to disorientate the chauffeur using a strobe flash gun (…). In short, this scenario bore remarkable similarities to the circumstances and witness accounts of the crash that killed the Princess of Wales, Dodi Al Fayed, and Henri Paul.

(Alle Hervorhebungen von uns.)

Tomlinson hat seine Thesen im Jahr 2001 auch in einem eigenen Buch veröffentlicht.

Mit anderen Worten: All das kann der britische Chefermittler mit seiner Andeutung in dieser Woche nicht gemeint haben. Der Mann, den „Bild am Sonntag“ als „neuen Zeugen“ verkauft, ist einer der ältesten „Zeugen“ überhaupt. Und das, was er scheinbar jetzt gegenüber „Bild am Sonntag“ enthüllt hat, ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorien in diesem Fall — sogar „Bild“ hat sie schon mehrere Male aufgeschrieben.

Aber die „Netzeitung“ ist prompt drauf reingefallen.

Danke an Thorsten L. für den Hinweis!

Nachtrag, 21.50 Uhr. Auch die „Rheinische Post“ und die Schweizer Gratiszeitung „20 Minuten“ haben den Fehler gemacht, der „Bild am Sonntag“ zu glauben. Und bei N24.de steht die Falschmeldung, weil sie automatisch von der „Netzeitung“ übernommen wurde.

Nachtrag, 5. Juni. Die „Rheinische Post“ scheint den Artikel entfernt zu haben.