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Schlimm ist „Bild“ nicht schlimm genug

Auf Bild.de gibt es mal wieder eine Gegendarstellung, in der schwere Vorwürfe gegen den Wahrheitsgehalt der Berichterstattung von „Bild“ erhoben werden:

Im Portal der Bild.T-Online.de AG + Co. KG (www.bild.t-online.de) ist am 09.01.2006 über mich berichtet worden:
1. „Schönheitschirurg vergewaltigt Frau während Narkose.“
2. „Eine Vergewaltigung unter Narkose!“
Hierzu stelle ich fest:
Diese Tatsachenbehauptung ist unwahr. Tatsächlich habe ich nie eine narkotisierte Frau gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen.
Hamburg, den 06.02.2006
Dr. Dr. Roland Stock

Anlass der Gegendarstellung ist ein Artikel, der nicht nur online, sondern – teilweise in etwas abgewandelter Form – auch in vielen Druckausgaben stand.

Tatsächlich ist der Schönheitschirurg Roland Stock, der die Gegendarstellung durchgesetzt hat, ein Mann, mit dem sich die Justiz in der Vergangenheit wiederholt beschäftigen musste und immer noch muss: U.a. wurde Ende Januar Anklage wegen mehrfacher Körperverletzung und mehrfachen Betrugs gegen ihn erhoben, ein weiteres Verfahren wegen Betrugs läuft noch, und es wird wegen fahrlässiger Tötung gegen ihn ermittelt. Eine Rechtfertigung für die „Bild“-Behauptung, Stock habe eine Frau unter Narkose vergewaltigt, ist das nicht.

Schließlich ist die einzige Begebenheit, die ihn mit einer möglichen Vergewaltigung in Verbindung bringt schon etwas länger her: Im Sommer 2004 wurden bei Stock mehrere Videobänder sichergestellt. Eines, aus dem Jahr 1995, soll ihn beim Sex mit einer möglicherweise bewusstlosen Frau zeigen. Sicher ist das allerdings nicht, denn als damals ein Standbild daraus in Zeitungen in Hamburg und Berlin veröffentlicht wurde, meldetet sich niemand, der aufklären konnte, was auf dem Band zu sehen ist. Daraufhin stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in dieser Sache ein.

Im Dezember 2005 dann hatte Stock eine 33-jährige Frau namens Tülay D. an der Nase operiert, wobei es zu Komplikationen kam. Die Frau starb drei Tage nach der Operation im Krankenhaus. Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen Stock. Und das war der eigentliche Anlass für „Bild“ am 9. Januar über Stock zu berichten – mit einem Hinweis auf das vermeintliche Vergewaltigungsvideo, mit der erneuten Veröffentlichung des Standbildes, und in Teilen der „Bild“-Auflage auch mit den beiden Sätzen aus der Gegendarstellung. In anderen Ausgaben, z.B. in Berlin, stand nur der erste Satz. Und das sah so aus:

Im Text heißt es außerdem über Tülay D.:

Der schlimme Verdacht: Dr. Dr. S. soll die Frau vor ihrem Tod unter Narkose vergewaltigt haben. Ermittler fanden an der Leiche Sperma-Spuren!

Das mit dem Sperma stimmt zwar, allerdings hatte die Staatsanwaltschaft „Bild“ vor Veröffentlichung wissen lassen, dass es ebenso gut von Tülay D.s Mann stammen könne. In der Hamburger „Bild“-Ausgabe steht das sogar. In anderen Teilen der Republik und im Internet verzichtete „Bild“ auf diesen Hinweis. Und fragt man heute bei der Hamburger Staatsanwaltschaft nach, erfährt man, dass es sich in der Tat „eindeutig“ nicht um Sperma von Stock handelte.

Kurz gesagt: Stock wurde nie wegen Vergewaltigung angeklagt. Es gibt weder neue Hinweise auf etwaige Vergewaltigungen, noch wird wegen Vergewaltigung gegen Stock ermittelt.

Vor allem aber wurde Stock nie wegen Vergewaltigung verurteilt. Dabei wäre das das Einzige, was die „Bild“-Behauptung gerechtfertigt hätte.