Wieviel Rente kriegen eigentlich Milchmädchen?

Natürlich ist es möglich, dass in den nächsten 30 Jahren die Teuerungsrate jährlich zwei Prozent beträgt, die Löhne aber nur um ein Prozent steigen und die Renten gar nicht. Möglich ist aber auch, dass uns in den nächsten 30 Jahren der Himmel auf den Kopf fällt oder sich herausstellt, dass das Erdinnere aus Schokoladenpudding besteht. Man kann diese Dinge nicht völlig ausschließen. Aber es empfiehlt sich vielleicht auch nicht, seine Lebensplanung darauf einzustellen.

„Bild“ sieht das anders.

Die „Bild“-Zeitung tut zur Zeit wieder einmal, was sie routinemäßig mehrmals jährlich tut: Sie behauptet, dass unsere Rente noch viel weniger sicher ist, als sie beim letzten Mal schon behauptet hat. Aktueller Aufhänger ist die Prognose des Freiburger Ökonomieprofessors Bernd Raffelhüschen in der „Rheinischen Post“, wonach es in den kommenden Jahrzehnten möglicherweise keine oder nur geringe Rentenerhöhungen geben könnte. Die „Bild“-Zeitung berichtete über diese These am Montag groß auf den Seiten 1 und 2 — und bis hierhin geht das auch in Ordnung.

Am Dienstag aber war ihr die ohnehin schon dramatische Prognose nicht mehr dramatisch genug, und sie spitzte sie erheblich zu: Nun ging „Bild“ (anders als Raffelhüschen) davon aus, dass es in keinem einzigen der nächsten 30 Jahre eine Rentenerhöhung geben werde. Verschärfend nahm das Blatt (als „vorsichtige Schätzung“) eine konstante Dauerinflation von zwei Prozent an (vor vier Monaten ging der gleiche „Bild“-Autor Oliver Santen bei einer ähnlichen Geschichte noch von einer Inflationsrate von 1,4 Prozent aus, warum auch immer).

Daraus errechnete „Bild“ dann eine bedrohliche Tabelle, aus der „Bild“-Leser ablesen konnte, wieviel ihr heutiger Rentenanspruch 2020 oder 2025 oder gar 2035 wert sein wird. Die Berechnungen könnte man leicht mit dem Taschenrechner anstellen (für jedes Jahr einfach zwei Prozent abziehen), aber „Bild“ gibt als „Quelle“ das „Deutsche Institut für Altersvorsorge“ (DIA) an. Auf dessen Know-How greift die Zeitung gerne zurück, und vergaß nur, wie schon früher, den Hinweis, dass es sich dabei nicht um unabhängige Experten handelt, sondern eine Gesellschaft, hinter der Firmen stehen, die ihr Geld nicht zuletzt damit verdienen, dass sie Menschen private Altersvorsorge verkaufen — also genau das, was das Studium der beunruhigenden Tabelle nahelegt. (Dass private Altersvorsorge auch sinnvoll erscheint, wenn man nicht auf die „Bild“-Panikmache hereinfällt, steht auf einem anderen Blatt.)

Selbst das DIA kommt sonst zu ganz anderen Ergebnissen, als denen, die es für „Bild“ errechnete — was zeigt, wie abwegig die Annahmen der Zeitung sind. In seiner „aktuellen Prognose zum Rentenniveau“ geht das Institut von einer deutlich niedrigeren Inflationsrate und besseren Lohnentwicklung aus als „Bild“. Entsprechend deutlich unterscheidet sich die Rentenentwicklung: Während „Bild“ prognostiziert, dass der reale Wert der Renten zwischen 2010 und 2035 um 40 Prozent sinkt, nimmt er laut DIA-Prognose sogar marginal zu.

Weil „Bild“ solche Geschichten gerne über mindestens drei Tage zieht, fragen heute in gewaltiger Größe auf Seite 1 viele Menschen mit „Bild“-Zeitung in der Hand: „SCHRUMPF-RENTE — Wovon sollen wir im Alter leben?“ Da ist der Hotelfachfrau-Auszubildenden Katharina, „ganz mulmig“, seit sie glaubt, dass ihr Rentenanspruch gerade mal 140 Euro wert sei. Vielleicht sollte jemand die 21-jährige in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie doch (hoffentlich) noch viele Jahre vor sich hat, in denen sie mehr verdient und ihren Rentenanspruch erheblich steigert.

Die (in der Sache natürlich parteiische) „Deutsche Rentenversicherung“ nannte die „Bild“-Berichte heute „unverantwortlich“, die ihr zugrunde liegenden Annahmen „unseriös und nicht nachvollziehbar“ und die Berechnungen „unrealistisch“. In der Pressemitteilung heißt es, wenn die Annahmen von „Bild“ über Inflation und Lohnsteigerungen einträfen, hätte das „unabsehbare Auswirkungen auf die Wirtschaft unseres Landes, die weit über die Verschlechterung der Einkommenssituation der Rentner hinaus gingen“. Mit anderen Worten: Dann dürfte auch durchschnittlichen „Bild“-Redakteuren ganz mulmig werden, weil sie sich schon vor dem Ruhestand von ihrem Gehalt nichts mehr kaufen könnten.

Wir haben aber sicherheitshalber noch einen Unbeteiligten um sein Urteil gebeten. Fragt man Carsten Germis, Wirtschaftsredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, nennt er die „Bild“-Berichterstattung „kompletten Schwachsinn“ und „Leuteverarschung“.

Danke auch an Matthias B.!