Irre

„Es hat mit Ausländerfeindlichkeit
nicht das geringste zu tun, wenn…“

(Georg Gafron, „Bild“-Kommentator)

Das Schöne an Zeitungen beispielsweise ist, dass sie Sachverhalte einordnen, dass sie erklären, was für den laienhaften Leser andernfalls schwer oder gar missverständlich sein könnte. „Bild“ beispielsweise tut das (angeblich) immer wieder: Ob Olympia oder Ecuador, das „neue Öko-Angstwort“, das Papst-Gewand oder die Beschlüsse der neuen Regierung„BILD erklärt“, heißt es dann gern.

Aber nicht nur „Bild“ erklärt. Nachdem sich das ZDF entschieden hatte, ein Interview mit der Archäologin Susanne Osthoff über ihre Geiselnahme im Irak auszugsweise im gestrigen „heute journal“ auszustrahlen, war man auch dort bemüht, das fraglos grotesk wirkende Gespräch einzuordnen.

So sei, sagte die Interviewerin Marietta Slomka vor der Ausstrahlung, Osthoff zu einer Fernsehaufzeichnung nur bereit gewesen, „wenn ihr Gesicht verschleiert bleibt“. Das Resultat wirkte befremdlich, nicht zuletzt, weil Osthoff schwarze Kleidung und einen Gesichtsschleier trug, der einem Niqab (oder Nikab) nicht unähnlich sah. Aber was wissen wir schon — außer vielleicht, dass eine Verschleierung wie die Osthoffs weltweit für viele Musliminnen Tradition, Ausdruck ihrer Religiösität oder schlicht Alltag ist.

Und „Bild“? Schreibt unter der Überschrift „Irrer TV-Auftritt“ auf der Titelseite:

„Vermummt wie eine radikale Islamistin zeigte sie sich vor der Kamera (…)“

Und weil „Bild“ der irre Vergleich offenbar irre gut gefällt, steht’s auf Seite 2 gleich nochmal:

„Vermummt wie eine radikale Islamistin zeigte sich die deutsche Ex-Geisel vor der Kamera.“

Mit anderen Worten: Wenn Osthoff für „Bild“ also „wie eine radikale Islamistin“ aussah, erklärt das nicht Osthoffs rätselhafte Verschleierung. Aber es sagt viel darüber, wie „Bild“ erklärt.

Mit Dank an Sabine B. für die Anregung.